Leben mit Antisemitismus

Der Film war heftigen Diskussionen ausgesetzt. Aber es lohnte sich, ihn zu sehen.

Wenige Tage nach dem “Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“, am 27. Januar, und wenige Tage vor Antritt einer Reise nach Israel stellt sich mir folgende Frage:
Warum muß ich – 73 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges – noch immer mit dem Antisemitismus leben und warum droht dies nicht nur den Kindern und Enkelkindern, sondern möglichweise auch den Urenkeln und den auf sie folgenden Generationen?

Die Antwort darauf ist nicht einfach. Ad hoc fallen mir zwei Worte ein, “Unentschlossenheit” und “Feigheit“. Das bezieht sich auf die Politikergenerationen, die nach 1945 in Deutschland das Sagen hatten und auf die, welche heute meinen, die Richtungsweiser zu sein. Da Antisemitismus kein deutsches Phänomen ist, sondern ein in Europa und in anderen Teilen der Welt grassierender Virus, müsste dieser Vorwurf auch an die dortigen Politikergenerationen gehen.

“Der Holocaust markiert eine Zäsur und war der Bruch der Zivilisation.” Diese heute in den verschiedensten Reden eingearbeitete Bewertung der industriellen Vernichtung der Nachbarn, Freunde, Schulkameraden unserer Großeltern bzw. Eltern ist keine neue Erkenntnis. Dass sich in den vom nationalsozialischen Regime beherrschten Gebieten Europas etwas Ungeheuerliches abgespielt hatte, war schon all jenen bewusst, die zu den Befreiern der Konzentrationslager gehört hatten oder sich nach der Niederlage der deutschen Truppen ein Bild machen konnten von dem, was in den einst deutsch besetzten Gebieten geschehen war. Die nach Kriegsende in Nürnberg und vor vielen anderen Gerichten durchgeführten Kriegsverbrecherprozesse waren darauf eine Reaktion. Viele Bücher wurden veröffentlicht, die sich mit dem Problem Antisemitismus und  Holocaust befassten, u.a. von Hannah Arendt, doch konsequente politische, staats- und völkerrechtliche Antworten auf das obige Zitat gab es nicht. Bezeichnend ist diesbezüglich die Tatsache, dass die Organisation der Vereinten Nationen bis 2005  brauchte, einen Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust auszurufen. 60 Jahre nach Kriegsende! Warum eigentlich so spät? In Israel wird bereits seit 1951 ein „Tag des Gedenkens an Holocaust und Heldentum“ begangen. Warum konnten Deutschland und andere in den Holocaust verwickelte Nationen nicht daran anknüpfen und als eindeutuiges Zeichen des Versöhnungswillens einen eigenen Gedenktag installieren? Auch als ein Zeichen dafür, dass in ihren Ländern, vor allem nach Kenntnis des Holocausts, ein für allemal mit dem seit über 2000 Jahren die Menschheit vergiftenden Antisemitismus Schluss gemacht und ein neues Kapitel im Zusammenleben mit den Bürgerinnen und Bürgen jüdischen Glaubens begonnen wurde.

Statt dessen wurden die der Vernichtung entgangenen Menschen 1945 und noch Jahre später zur Displaced Person (DP), zu einer „Person, die nicht an diesem Ort beheimatet ist“. Unterschiedlichste Personengruppen wurden als DP eingeordnet. Doch bei rassisch, religiös oder politisch Verfolgten, wie bei den durch die Nationalsozialisten heimatlos gemachten Juden, war das eine regelrechte Verhöhnung. Ein anderes Wort fällt mir leider nicht ein. Anstatt sich darum zu sorgen, dass sie wieder an ihre einstigen Heimatorte zurückkehren und sich niederlassen konnten, wurden sie mit ihrem Schicksal allein gelassen. In Deutschland, wie überall in Europa, waren die politisch Verantwortlichen froh, wenn Juden den Wunsch äußerten, in das damalige Palästina und spätere Israel auswandern zu dürfen oder in die USA bzw. in andere Länder. Hatte damals irgendjemand die Auswanderungswilligen gefragt, ob sie nicht bleiben wollten? Weil sie beim Aufbau einer neuen, zivilisierteren (nicht antisemitischen) Gesellschaft benötigt würden. Aus allen Erinnerungen der überlebenden Opfer des Holocausts geht hervor, dass es ihnen auch nach dem Ende des 2. Weltkrieges zu gefährlich erschien, zu bleiben. Sie hatten nach wie vor Angst um ihr Leben und sahen vor allem keine Chance, sich eine friedliche und von antisemitischen Ausfällen ungefährdete Existenz aufzubauen.

Und sie hatten Recht! Die Antisemiten waren nicht verschwunden. Sie waren in verantwortlichen Positionen zu finden, in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und in den westlichen Besatzungszonen. Antisemitismus gab es bei den Bürgerlichen und den Linken. Bei den extrem Rechten war es normal. Mir ist aktuell keine Erklärung aus der Zeit nach 1945 bekannt, in der sich die DDR oder die BRD eindeutig zum Problem des Antisemtismus geäußert hätten und das mit konkreten staatspolitischen Schlussfolgerungen verbunden wurde. Ächtung des Antisemitismus – in Ost oder West? Fehlanzeige! Stattdessen stillschweigende Anerkenntnis, dass der Antisemitismus sowohl in der “sozialistischen” Gesellschaft als auch in der bürgerlichen Gesellschaft fortbestand. Und bis heute fortwirkt.

Dass im Jahr 2018 jüdische Einrichtungen von Polizei bewacht werden, Menschen wegen ihres religiösen Aussehens Angriffen ausgesetzt sind oder sich zur jüdischen Religion bekennende Menschen wegen dieses Umstandes immer wieder als etwas “Exotisches” dargestellt werden, ist ein Unding! Bei Katholiken oder Protestanten wird ihre Religionszugehörigkeit nicht ständig betont. Dass das so ist, verdanken sie unter anderem einem Friedensabkommen, das 1648 nach einem 30 Jahre währenden Krieg in Münster und Osnabrück unterzeichnet wurde. 131 Jahre nach ihrer Trennung. Über 2000 Jahre ist es her, dass sich das Christentum herausbildete und seine Anhänger mit der anderen monotheistischen Religion, der jüdischen, brachen! Wann und wie wird der Frieden zwischen ihnen hergestellt sein, nicht auf der offiziellen Ebene der Erklärungen, sondern im normalen Leben?

 

Belege und Anregungen zum Weiterlesen
Kirche und Antisemitismus
Bundeszentrale für Politische Bildung: Antisemitismus
Quelle Beitragsbild