1985: Es beginnt mit Friedenskampf – Bürger contra SED

Jahrzehnte sollten die DDR-Bürger unter der Losung „Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen“ dem großen Brudervolk nacheifern. Waren zunächst der sowjetische Bergmann Stachanow und der Schnelldreher Bykow zu ihren Vorbildern auserkoren worden, war in den 1970er Jahren die Bassow-Methode das Nonplusultra sozialistischen Arbeitens. 1985 änderte sich das. Die Übernahme der Führung der KPdSU durch Michail Gorbatschow und die von ihm in der politischen Arbeit praktizierte Transparenz (Glasnost ) sowie die Veränderungen in Staat und Wirtschaft (Perestroika) entsprachen nicht den Vorstellungen der alten Herren im SED-Politbüro. Die DDR brauchte aber den Wandel. Die Probleme in Wirtschaft und Gesellschaft zeigten sich immer deutlicher. Deshalb stieß Gorbatschows Politik auch in der Prignitz auf Sympathie.

Die Mehrheit der in Parteien und Organisationen eingebundenen Bevölkerung konnte weitgehend auf der Parteilinie gehalten werden. Andersdenkende hatten sich in „Nischen“ zusammen gefunden, wie in den Kirchengemeinden. Gegensätzliche Standpunkte zur Umwelt- und Friedensarbeit beeinflussten das Verhältnis der Kirche zum Staat seit Anfang der 1980er Jahre. Vor allem Pfarrer der jüngeren Generation trugen in die Kirchengemeinden Themen hinein wie den „Sozialen Friedensdienst“ als waffenlosen Wehrersatzdienst oder die Unterstützung der pazifistischen Friedensinitiative „Schwerter zu Pflugscharen“ bzw. Umweltfragen. Seit 1980 richtete die evangelische Kirche im Kreis Pritzwalk die Friedensdekade aus. Sie fand im November statt und richtete sich besonders an die jungen Gemeindeglieder. Mit mehr als 100 Besuchern erreichten die Veranstaltungen eine begrenzte Resonanz. Dennoch wurden sie von der MfS-Kreisdienststelle, der SED-Kreisleitung und dem Rat des Kreises misstrauisch beobachtet. Jede selbstständige, öffentlich wirksame und über vorgegebene Grenzen gehende Aktivität sahen sie als Problem. Ob sie von Einzelpersonen, Zusammenschlüssen oder von der Kirche ausgingen, war unerheblich.

Die Zahl derer, die Widerstand zu leisten bereit waren, erreichte in ländlichen Gegenden nie die Größenordnung wie in dichter besiedelten und industriell entwickelten. 1981 war die damalige Bibliothekarin der Kreisbibliothek Perleberg in das Visier der Staatssicherheit geraten. Sie habe Gedichte mit staatsfeindlichem Inhalt und mit Angriffen auf die „führende Rolle der SED“ geschrieben, berichtete ein IM. Junge Leute gerieten in Konflikte, wenn sie ihr Friedensengagement mit dem Tragen des Aufnähers „Schwerter zu Pflugscharen“ zum Ausdruck brachten und auf Aufforderung nicht bereit waren, diesen zu entfernen. Am 13. August 1986 wurde in Perleberg ein Mann festgenommen, weil er ein Plakat mit der Aufschrift „Hiermit zeige ich meine Trauer über 25 Jahre Mauer“ bei sich führte.

Ausdruck der Unzufriedenheit mit der aktuellen Politik war auch die Hinwendung zum Denkmalschutz oder zur Traditionspflege. Im Januar 1988 bildete sich in der Kulturbund-Ortsgruppe Wittenberge die Interessengemeinschaft „Prignitzer Platt“. Am 5. April 1989 kam die IG „Denkmalpflege“ hinzu. Das Eintreten für den Erhalt von die Innenstädte prägenden historischen Bauwerken war Ausdruck von neu erwachtem bürgerschaftlichem Engagement. Es konnte sich aber auch zu einem Kampf mit den Behörden entwickeln.

© Dr. Volker Punzel, GeschichtsManufaktur Potsdam (24.08.2020)