1989: “Wir sind das Volk” – Das Ende der DDR

Endlich auch den Namen „Reisepass“ wert.

Am 9. November 1989 um 19.05 Uhr verbreitete die Nachrichtenagentur AP die Eilmeldung „DDR öffnet Grenze“. Radiostationen und Fernsehsender unterbrachen ihre Sendungen. Die Menschen schalteten ungläubig zwischen Ost- und Westfernsehen hin und her oder machten sich, wenn der nächste Grenzkontrollpunkt nicht so weit war, auf den Weg. Die Menschen wollten den Westen erkunden. Denn wer sagte ihnen, dass die Grenzöffnung nicht ein Versehen war. Innerhalb von vier Tagen stellte das Volkspolizeikreisamt Pritzwalk 14 000 Visa aus. In den Schulen saßen die Lehrer teilweise allein. Die Kinder und Jugendlichen waren mit den Eltern unterwegs. In den Betrieben kam es zu Problemen bei der Sicherung der Produktion. Das Wendland, Lüneburg oder Hamburg steuerten die Bewohner der Prignitz an. 100 DM Begrüßungsgeld erhielt jeder, ob Erwachsener oder Kind. Für eine Familie mit drei Kindern kamen so 500 DM zusammen und fuhr sie dann weiter bis Bayern, gab es noch mal 200 DM. Kolonnen von Trabis und Wartburgs überfluteten die grenznahen Straßen und Städte. Über Jahrzehnte getrennte Menschen versuchten sich wieder aneinander zu gewöhnen.

Die Vorbereiter dieser Entwicklung in der DDR hatten die Ereignisse genauso überrascht, wie die politisch Verantwortlichen in Ost und in West. Das am 9./10. September 1989 in Grünheide bei Berlin gegründete Neue Forum war ab Mitte Oktober auch in der Prignitz präsent. Am 17. Oktober stellte es sich auf einer Informationsveranstaltung in der evangelischen Kirche in Falkenhagen vor. Ulrich Preuß, damals dort als Pfarrer tätig, erinnert sich an „ungefähr hundert Menschen, die aus der ganzen Prignitz gekommen waren“. „In ganz Falkenhagen waren abends Sicherheitskräfte in Uniform und Zivil unterwegs, so dass sich die Einwohner nicht auf die Straße trauten. Das war eine ganz komische Stimmung.“ Wenige Tage später wurde die Prignitz von den ersten Demonstrationen erfasst. Vorreiter war Wittstock, wo am 25. Oktober weit über 500 Menschen zum Gebäude der Staatssicherheit marschierten und „Stasi raus“ riefen. In Perleberg brachte das Neue Forum einen Tag später über 1 000 Menschen in Bewegung. Vor dem Volkspolizeikreisamt stellten sie nach der Informationsveranstaltung brennende Kerzen ab. Am 27. Oktober demonstrierten rund 350 Bürger vor dem Rathaus in Pritzwalk. Um die Situation zu entschärfen, wurden sie in das Kulturhaus umgelenkt. Dort stellten sich Abgeordnete und Funktionäre ihren Fragen. Doch sie konnten den Menschen keine Antworten geben.

Wie in der ganzen DDR machte sich angesichts der Problemlage und nicht erkennbarer Lösungsmöglichkeiten auch in den Kreisen, Städten und Gemeinden der Prignitz unter den Funktionären Ohnmacht breit. Es entstand ein Macht- und Handlungsvakuum. Eine Demonstration mit rund 2 000 Pritzwalkern am 6. November brachte für das Neue Forum den Durchbruch. Einen Tag später waren seine Vertreter als Gesprächspartner in die Kreisverwaltung eingeladen. Unter der Bezeichnung „Pritzwalker Bürgerforum“ fand am 10. November eine zweite Dialogveranstaltung statt. Den 350 Teilnehmern ging es nun nicht mehr nur um Alltagsfragen, sondern um politisch Grundsätzliches. Die Führungsrolle der SED wurde in Frage gestellt, freie Wahlen wurden gefordert und den politisch Verantwortlichen Korruption und Amtsmissbrauch vorgeworfen.

© Dr. Volker Punzel, GeschichtsManufaktur Potsdam (24.08.2020)