1989: Nicht vorgesehen – DDR-Volk an der Grenze

Die der Prignitz am nächsten gelegenen Grenzübergangsstellen (GüSt) an der Grenze zur Bundesrepublik Deutschland waren Cumlosen, Horst und Zarrentin. In Cumlosen wurde der Güterverkehr über die Elbe abgewickelt, der Wechselverkehr DDR-BRD und die im Transit das DDR-Territorium durchfahrenden Güterzüge, z. B. von und nach West-Berlin. Die GüSt Horst an der damaligen Fernverkehrsstraße 5 bot die einzige Möglichkeit mit Fahrzeugen durch die DDR zu fahren, die nicht für den Verkehr auf der Autobahn zugelassen waren (z. B. Fahrrad, Moped, Traktor und sonstige Sonderfahrzeuge). Bedingung: Die Strecke musste ohne Unterbrechung (Übernachtung, längere Pausen) bewältigt werden. Bis Berlin waren es, die F 5 entlang, rund 240 km (!). Da musste ein Radfahrer schon sehr flink sein, um die Vorgabe einzuhalten. Lauenburg war die Kontrollstelle auf der Westseite. Der im Transit verkehrende Fahrzeugverkehr erfolgte 1989 über die Autobahn A 24. Die Kontrollen erfolgten an der GüSt Zarrentin und auf der westlichen Seite in Gudow. Einen weiteren Übergang gab es in der Altmark, an der F 71 zwischen Salzwedel und Bergen/Dumme. Die Bewachung der Grenze in diesem Gebiet oblag dem Grenzkommando Nord mit Sitz in Stendal. Kommandeur zum Zeitpunkt der Maueröffnung war der damals 65jährige Generalmajor Johannes Fritzsche, verstorben 29. Oktober 2016. Am 30. November 1989 ersetzte ihn Oberst Lepa. 12 426 Armeeangehörige unterstanden ihrem Kommando. Die Kontrolle der GüSt Zarrentin oblag dem Grenzregiment 6 „Hans Kollwitz“ in Schönberg und für Horst und Cumlosen war das Grenzregiment 8 „Robert Abshagen“ mit Sitz in Grabow zuständig.

Bei der Grenzöffnung war Major Focke Kommandeur des GR 8. Was sich in der Nacht vom 9. zum 10. November 1989 und in den Monaten bis zur offiziellen Auflösung der Grenztruppen der DDR am 30. September 1990 zugetragen hat, darüber haben sich weder er noch seine Untergebenen öffentlich geäußert. Auch nicht in den Foren der ehemaligen Grenzer. Diese erinnern sich nur an die Jahre davor oder danach.

1991 oder 1992 habe ich auf dem KfZ-Park meinen ehemaligen KC Major Schl. und den ehemaligen Chef Technik und Bewaffnung Major Kl. in Schwarzkombi angetroffen. Sie demontierten gerade die Streckmetallplatten und haben ganz freundlich mit “Guten Tag Herr Udo” gegrüßt – ein paar Jahre zuvor haben sie nur durch die Gegend gebrüllt. So ändern sich die Zeiten.

Die erwähnten Streckmetallplatten waren Teil des Grenzsignalzaunes gewesen. Er bestand aus Betonpfosten, an denen unten ca. 1 m hohe Metallgitterplatten (Streckmetall) montiert waren. 13 Reihen Stacheldraht befanden sich darüber. Sie liefen über Isolatoren und standen unter elektrischer Spannung. Beim Berühren der Drähte wurden Alarmsignale ausgelöst. Es ertönten Hornsignale, leuchteten Rundumleuchten und Scheinwerfer auf.

Als die Bürgerinnen und Bürger der DDR nach der von Günther Schabowski verkündeten Nachricht über die Öffnung der Grenzen an den Kontrollpunkten standen, schrillten auch die Alarmglocken. Die mit den Zivilisten konfrontierten Uniformierten wollten wissen, wie sie sich verhalten sollten. Aber Antworten blieben aus. Solch eine Situation hatten die Verantwortlichen nicht eingeplant. Seit 1984 galt nur: „Schußwaffen an der Staatsgrenze der DDR zur BRD und zu Westberlin…nicht anzuwenden“.

© Dr. Volker Punzel, GeschichtsManufaktur Potsdam (24.08.2020)