“Terroristen” in Potsdam

Die Geheimdienste versetzen die Menschen periodisch in Unruhe mit weltweit verbreiteten Warnungen vor möglichen terroristischen Aktionen. Die Folge: Absage von Großveranstaltungen; Politiker und so genannte Terrorismus-Experten, die mit ihren Statements noch die Situation verschärfen helfen und die Chance auf öffentliche Profilierung nicht vergeben wollen.

"Über die vergangenen 15 Jahre gab es zahlreiche Weggabelungen, an denen die Politik sich richtig hätte entscheiden können. Doch wo Mut erforderlich war, setzte sich Feigheit durch, wo Selbstbewusstsein gereicht hätte, brach Arroganz sich die Bahn und wo Klugheit Erfolge gebracht hätte im Kampf gegen den Terrorismus, hat Naivität die Gefahr nur befeuert."       (Elmar Theveßen, 2016, S. 8)

Weder Geheimdienste noch Politiker und Experten sprechen darüber, dass der Terrorsystematische und oftmals willkürlich erscheinende Verbreitung von Angst und Schrecken durch ausgeübte oder angedrohte Gewalt, um Menschen gefügig zu machen – nicht allein in spektakulären Anschlägen zum Ausdruck kommt. Er ist zu einer alltäglichen Erscheinung geworden.

Doch darüber äußert sich von den vorgenannten Personen niemand. Was sollen sie auch sagen? Dass die Zivilgesellschaft schon seit langer Zeit nicht mehr in der Lage ist, ihren Mitgliedern Ruhe und Sicherheit zu garantieren. Der Staat hat sein Gewaltmonopol, vor allem zwischen 23 Uhr und 4 Uhr, den Personen überlassen, die mit ihren Aktionen gezielt und systematisch Angst und Schrecken verbreiten wollen. Werden sie einmal (mehr durch Zufall) erwischt, schrecken sie vielfach nicht vor der Anwendung von Waffengewalt zurück und kalkulieren kaltblütig Verletzungen von anderen ein, sogar deren Tod.

Am 17. März 2015 wurde im Potsdamer Wohngebiet Kirchsteigfeld ein Auto in Brand gesetzt.Seit dem 6. Januar 2014 war es der zwölfte Pkw, der in der Nacht in Flammen aufging. Und es wird vermutlich nicht der letzte sein. Durch die Medien haben der oder die Täter Kenntnis, dass man ihnen nicht auf der Spur ist und sie Kontrolle ausüben über die Bewohner des Kirchsteigfeldes. Die Angst, dass das nächste Auto ihres sein könnte oder sie durch die bei einem neuerlichen Brand entstehenden Brand- und Qualmfolgen zu Tode kommen könnten, lassen kaum einen der Kirchsteigfelder mehr ruhig schlafen.

Die Gewerbetreibenden in der Potsdamer Innenstadt leiden bereits seit Jahren unter dieser Angst, aber auch unter der Erkenntnis, dass sie im Notfall keine Hilfe von der Polizei erwarten können. Bevorzugt in der Nacht oder an den Wochenenden kommen die Einbrecher und Räuber. Um in die Geschäfte einzudringen, arbeiten sie sich schon mal durch Mauern hindurch oder werfen Schaufensterscheiben ein bzw. reißen unter Nutzung von gestohlenen Pkw Ladentüren einfach aus ihrer Füllung.

An Bahnhöfen und in nächtlich verwaisten Innenstädten werden Geldautomaten gesprengt und ausgeraubt.

Von privaten Grundstücken oder von Parkplätzen in Wohnungsnähe verschwinden dort abgestellte Fahrzeuge – nachts.

Sprayer treiben – sehr oft von Großeltern oder Eltern mit Geld oder Sachspenden dabei unterstützt – ihr Unwesen. Überwiegend nachts. Und wird mal zufällig einer der – oftmals noch minderjährigen – Vandalen in den frühen Morgenstunden erwischt und den Eltern von der Polizei übergeben, tun Mutter und Vater zumeist noch überrascht.

Es gäbe noch viele Beispiele, um zu belegen, dass die Zivilgesellschaft die Kontrolle über die Straßen und über die nächtliche Ruhe und Sicherheit in den Kommunen verloren hat. Doch es soll hier keine Angst und kein Schrecken verbreitet werden. Aber eines ist mit Sicherheit feststellbar: Es wird nicht besser werden!!

Aktivitäten am Landtag

In der Nacht vom 10. zum 11. Oktober 2015 wurde der Obelisk auf dem Alten Markt mit einem 50 cm x 50 cm großen Hakenkreuz beschmiert. Die Polizei wurde Sonntagmittag über diese Schmiererei gegenüber dem Haupteingang zum Landtag Brandenburg informiert, und veranlasste seine Abdeckung mit einer blauen Plastikfolie. Die Tageszeitung "Potsdamer Neueste Nachrichten" informierte am 12. Oktober 2015 in einer Kurzmeldung über diesen skandalösen Vorgang. Die "Märkische Allgemeine. Tageszeitung für Potsdam" verschwieg ihn vollständig.

In der Nacht vom 30. zum 31. Oktober 2015 griffen die Schmierer ganz gezielt die mit Sandstein verkleidete Fassade des Landtagsgebäudes an. Obwohl dieser Bereich mit Kameras überwacht wird, konnten sie nicht nur in aller Ruhe ihre Verunzierungen hinterlassen, sondern (vermutlich) auch unerkannt entkommen. Potsdams Medien unterschlugen diesmal vollständig diesen Vorgang in ihrer Berichterstattung und damit auch die Tatsache, dass nicht nur das Eigentum der Bürger, sondern auch die höchste demokratische Institution des Landes Brandenburg dem Treiben der Sprayer und Schmierer ungeschützt ausgeliefert sind.

In der gleichen Nacht machten sich Personen aus der "linken" Szene am Brandenburger Tor zu schaffen. offensichtlich in der Annahme, dass weder das historische Brandenburger Tor noch die dort mit großer Sorgfalt angebrachte historische Informationstafel schützenswerte Güter seien.

Auch die "Linke" ist in der Nacht unterwegs.

 

 

Motto

 

Gewalt in Potsdam – kein Phänomen der Gegenwart

Die Anwendung von Gewalt zur Durchsetzung von Interessen ist in Potsdam seit Anfang der 1990er Jahre feststellbar. Dabei müssen wir unterscheiden zwischen der Anwendung von Gewalt gegen Sachen und Personen sowie die in verbaler Form praktizierte.  Die Stadtpolitik hat zwar immer wieder versucht, die Gewalt aus dem öffentlichen Leben zu verdrängen. Nachhaltig waren die von ihr entwickelten Aktivitäten jedoch so gut wie nie.

Von 1990 bis Anfang 2000 war Potsdam mit einer starken Hausbesetzerszene konfrontiert und musste sich mit ihr auseinander setzen. Im Sommer 1992 führte dies in der Gutenbergstraße zu einer Eskalation, in deren Verlauf große Schäden durch Brandstiftung verursacht wurden. Die Täter sind bis heute nicht ermittelt.

In den letzten Jahren machte sich eine Tendenz zur Heroisierung der damaligen Hausbesetzungen bemerkbar. Doch sie begannen weder friedlich noch verhielten sich viele der Hausbesetzer so, dass man ihr Verhalten hätte tolerieren können. Und vor allem war es fast unmöglich, Absprachen zu treffen, die auch eingehalten wurden. Als Journalist sehr oft mit Hausbesetzern in Gesprächsrunden konfrontiert, bekam man immer wieder zu hören, wenn es um verbindliche Aussagen ging: "Ich kann keine Garantie übernehmen, weil ich nicht weiß, wie sich die anderen verhalten." Wie man sich selbst verhalten würde, blieb sehr oft auch im Unverbindlichen.

Mit einem symbolischen "Max-Dortu-GedenkSteine-Werfen" von Schaumstoff-Steinen auf das Landtagsschloss am Alten Markt machen seit dessen Fertigstellung Anhänger der in der Stadtverordnetenversammlung vertretenen Fraktion "Die Andere" jährlich im November auf sich aufmerksam. An die revolutionären Ereignisse von 1848/49 und an Max Dortu möchten sie damit erinnern. Doch sie lassen dabei außer Acht, dass es sich bei dem Gebäude nur um eine Schlosshülle handelt. Im Inneren residiert ein demokratisches Parlament, also ein Vertretungsorgan, wie es sich die Revolutionäre von 1848/49 gewünscht hatten. Also wem gilt das Werfen eigentlich? Und vor allem wird dabei auch beachtet, dass sich eine symbolische Handlung – von den Protagonisten als "nicht so  ernst gemeint" bezeichnet – in einen realen und ernsthaft gemeinten Angriff auf die Demokratie in Form des Parlamentsgebäudes verwandeln könnte?

Es gibt ausreichend Beispiele aus der jüngsten Geschichte Potsdams, wie friedlich gedachte und begonnene Demonstrationen in die Anwendung von Gewalt gegen Personen und Sachen übergingen. Nicht nur Bankfilialen wurden dabei in Mitleidenschaft gezogen.

Das Sprayen – als Form der Anwendung von Gewalt gegen fremdes Eigentum und gegen dessen Eigentümer – ist ein Normalzustand in Potsdam. Alle ernsthaft gemeinten Versuche, die Innenstadt für Einheimische und Besucher attraktiv zu gestalten und sie zum Wohlfühlen sauber zu halten, werden durch die Sprayer zunichte gemacht. Bei ihnen handelt es sich nicht nur um Personen, die aus finanzielle nicht so gut gestellten Elternhäusern bzw. Familien kommen, sondern auch – und diese nicht gerade im geringen Ausmaß – um Personen aus den so genannten "wohlhabenderen Schichten". Sprayen bedarf der Sprühdosen und anderer Utensilien! Diese kosten Geld, viel Geld.

1999 gab es einen wirklich ernsthaft gemeinten und logistisch sehr gut vorbereiteten Versuch, die Potsdamer Innenstadt von Graffitis zu befreien und dauerhaft sauber zu halten. Die Partner dafür waren alle vorhanden. Doch der Versuch, diese Maßnahme parteipolitisch zu vereinnahmen, machte das als Kopperation zwischen Hauseigentümern, Polizei, Stadtverwaltung und Öffentlichkeit angelegte Projekt zunichte. seitdem gab es keine ernsthaften Bemühungen mehr, gegen die Sprayer und andere Schmierer vorzugehen. Nacht für Nacht sind unterwegs und verursachen Schäden in Millionenhöhe. Schäden, die die Geschädigten psychisch angreifen, und Kosten, die die Geschädigten tragen müssen.

Zur verbalen Anwendung von Gewalt gehört auch die von Politikern praktizierte Wortwahl. Aktuell sind zwar immer die der AfD im Zentrum der Aufmerksamkeit. Aber hat sich mal ein Politiker der etablierten Parteien über seine Wortwahl Gedanken gemacht, wenn er im Diskurs den politischen Gegner so richtig treffen und vor allem öffentlichkeitswirksam austeilen möchte? In Potsdam geisterten bereits vor über 20 Jahren Begriffe in der Öffentlichkeit, wie "Panzerkreuzer Kaminski" und "Nazi-Architektur" für das Potsdam-Center oder "KZ-Turm" (gemeint war der von Burelli entwickelte erste Turm für die Seniorenresidenz Heilig-Geist in der Burgstraße). Eine Analyse der Potsdamer Tageszeitungen jener Zeit fördert bestimmt noch weitere interessante Beispiele für die verbale Gewaltanwendung im politischen Bereich zutage.

 

Sprayer und Terroristen

Gibt es Übereinstimmungen zwischen der Sprayerszene und den von allen gefürchteten islamistischen Terroristen? Ja.

Bei beiden gibt es keine Anbindung an eine größere Struktur, die sie miteinander verbindet. Sie agieren allein oder in Kleingruppen. Es handelt sich um führerlose Bewegungen. Ihr Handeln folgt den Regeln der Konspiration.

Diese Aussagen treffen auch für "Links"- und "Rechts"extreme zu.Wobei natürlich klargestellt werden muss, dass es signifikante Unterschiede gibt, was die Resultate des Handelns der jeweiligen Gruppierung anbelangt. Eines ist aber allen gemeinsam: Sie wenden Gewalt an!

Der Zusammenhalt zwischen den Protagonisten der Sprayerszene bzw. der terroristischen Bewegung ergibt sich aus einem gemeinsamen Ziel, einer gemeinsamen Doktrin und aus einem verbindlichen Programm zur Selbstausbildung. Jeder Ort, jedes Haus, jede Wohnung kann genutzt werden, um sich zu trainieren und die Aktivitäten vorzubereiten. Die Vorbereitung auf die zu verübenden Straftaten erfolgt langfristig, zielstrebig, mit stillschweigender Billigung durch das nähere Umfeld – Familie, Verwandte, Freunde, Bekannte – und mit hoher krimineller Energie.

Die Protagonisten der Sprayerszene bzw. die islamistischen Terroristen sind sich mehr oder weniger bewusst, dass sie Straftaten begehen. Andererseits glauben sie daran, einer Idee bzw. hehren Anliegen zu folgen.

Die Sprayer werden in ihrem Handeln durch all jene Politiker und offiziell agierenden Personen  in ihrem Handeln bestärkt, die dieses als "Soziokultur" bezeichnen oder als eine "Form der freien Meinungsäußerung" oder als "Protest gegen eine gesellschaftliche Ausgrenzung". Nur wenige bezeichnen die Resultate ihres nächtlichen Wirkens als das, was sie in Wirklichkeit sind, als Straftaten, und die diese verübenden Personen, als Kriminelle.

Die islamistischen Terroristen folgen der Idee eines bei der Entstehung des Islam angekündigten und in unserer Zeit bevorstehenden Endkampfes zwischen den Muslimen und ihren Gegnern.Die Niederlage und die Eroberung "Roms". d. h. des Zentrums des Katholizismus und symbolträchtigsten Stadt für die westlichen Staaten, ist das Ziel. "Wenn Italien im Westen und Norden von den europäischen Muslimen und im Osten von dem Muslimen des Balkans umzingelt ist, dann greift der Islamische Staat mit seinen Raketen und Schiffen vom Süden an. <Ihr werdet Rom attackieren und mit Allahs Hilfe erobern> (Prophet Mohammed). Der nächste Halt? Der Anti-Christ in Israel." (Nach E. Theveßen 2016, S. 57.) Filme, wie "Armageddon", "Herr der Ringe" oder "Die Tribute von Panem" haben in dieser Hinsicht nicht nur große psychologische Wirkung auf Nichtmuslime,sondern auch auf muslimische Jugendliche. Nur interpretieren sie deren Grundaussage anders.

Sprayer wie islamistische Terroristen kundschaften die von ihnen für die jeweiligen Angriffe vorgesehenen Objekte langfristig aus. Sie planen sehr sorgfältig und dringen dazu auch auf illegale Weise in Gebäude ein. Die für die Ausübung ihrer Straftaten benötigten "Werkzeuge"  werden langfristig beschafft. Zur Finanzierung derselben erfolgt die Erschließung unterschiedlichster Quellen. Dazu gehören Diebstahl, Raub, Kreditkartenbetrug, Sprengung von Geld- oder von Fahrkartenautomaten sowie Spenden. Bei Sprayern Geldgeschenke oder Sachspenden von Familienmitgliedern bzw. Verwandten, dabei vor allem von "gutgläubigen" Großeltern.

Sie sind bereit, der Ausübung ihrer Pläne entgegengesetzten Widerstand mit der Anwendung von Gewalt zu unterbinden. Selbst Sprayer führen in ihren Rucksäcken nicht nur Spraydosen oder Edding-Stifte mit sich, sondern oft auch Schlagstöcke, Schlagringe, Messer oder andere Waffen. Sie agieren anonym und sind bemüht, eine Aufdeckung ihrer Identität mit allen Mitteln zu verhindern. Dazu gehört auch die Inkaufnahme der Verletzung oder sogar Tötung von Menschen.

In den Rucksäcken der Sprayer befinden sich auch Drogen oder ihnen gleichwertige andere Substanzen. Davon und vom vor dem Begehen der Straftaten erfolgten Genuss von Alkohol erhoffen sie sich bei einer möglichen Festnahme strafmildernde Wirkung. Beim Begehen ihrer Straftaten planen sie ganz gezielt ein, im Falle einer Verhaftung auf Strafmilderung bzw. Strafunmündigkeit hinzuwirken.

Gefasste und verurteilte Sprayer wie auch islamistische Terroristen, die ihr Handeln für sich persönlich aus einem gemeinsamen Ziel und einer gemeinsamen Doktrin ableiten, sind nicht sozialisierbar. Sie werden, sofern sie nicht vollständig von ihrem früheren Umfeld getrennt werden, immer wieder in das frühere Verhalten zurückfallen. Sucht nach dem "Kick", d.h. bei anderen erreichte Achtung, und die ideologische Indoktrination von islamistischen Terroristen werden jeden Versuch vereiteln, die Straftäter in die Gesellschaft zu integrieren.

 

"Links"extreme, "Rechts"extreme und islamistische Terroristen

Wer Straftaten mit politischen Motiven oder Gründen zu rechtfertigen versucht, kann nicht davon ablenken, kriminelle Handlungen begangen zu haben. Zur Durchsetzung von politischen Zielen bedarf es in einer modernen und aufgeklärten Gesellschaft nicht der Anwendung von Gewalt gegen Personen oder fremdem Eigentum. Wer die Gesellschaft verändern will, darf nicht in die Vergangenheit zurückfallen, sondern ist verpflichtet, etwas Neues anzubieten und dieses auch in seinem täglichen Handeln sichtbar werden zu lassen. Machteroberung bedeutet in der modernen Gesellschaft vor allem Eroberung der kulturellen Hegemonie, so wie sie Antonio Gramsci in seinen Gefängnisheften charakterisiert hat.

Aktuell gibt es keine Partei, mag sie sich noch so links geben, die in der Lage wäre, diese Aufgabe zu erfüllen. Die "linken" Parteien sind in ihrer Grundhaltung konservativ und auf den Erhalt der Pfründe der Parteibürokratie bedacht. Am deutlichsten kommt dies zum Ausdruck im Fehlen von wirklicher Demokratie und beim Aufstellen von Parteienlisten in Verbindung mit Wahlen, die gut bezahlte Jobs garantieren.

Der Begriff des "Linksextremismus" charakterisiert in der Vergangenheit verhaftete und sich nicht von ihr lösen könnende Gruppierungen. Sie folgen einem überholten Klassenkampfdenken und sind, obwohl sich nach außen hin selbstlos und aufopfernd darstellend, in erster Linie selbstsüchtig und narzisstisch. Ähnlich verhält es sich mit "Rechtsextremen", die einem Nationendenken folgen, das nicht der Zeit des 21. Jahrhunderts entspricht. Sie leben ebenfalls in der Vergangenheit. Noch extremer der Vergangenheit verhaftet, sind die islamistischen Terroristen. Sie folgen dem Bild einer vom Islam geprägten Gesellschaft, die es in dieser idealen Form weder in der Zeit des Religionsgründers noch danach gegeben hat. Auch in der Gegenwart ist es unmöglich, auf der Grundlage eines extrem konservativen Islam eine sich von den bestehenden islamischen Gesellschaften fundamental unterscheidende neue islamische Gesellschaft zu schaffen. Jeder Ansatz dazu wird, sofern er nicht mit einem sich den Anforderungen der Gegenwalt und der Zukunft stellenden Islam verbunden wird, stets in einer autoritären oder autokratischen Herrschaft enden. Was übrigens auch das politische Resultat des Wirkens von "Linksextremen" und von "Rechtsextremen" wäre.

Zum Ausdruck kommen die zwischen ihnen bestehenden Gemeinsamkeiten zum einen in den von ihnen favorisierten Formen des "Kampfes". Zum anderen in der ihnen gemeinsamen Unfähigkeit, ihre programmatischen Ziele und den Weg zu ihrer Durchsetzung in klarer und nicht ausschweifender Form darzulegen. Die "Grundlagenwerke" von Extremen und Islamisten sind dicke, so gut wie nicht lesbare Wälzer. Wer eine klare Vorstellung von der Zukunft hat, kann sie den Menschen auch verständlich vermitteln und vor allem lesbar.

Als "Drehbuch des Terrors" bezeichnet E. Theveßen das "Muslim Gang Book" und vor allem dessen 1. Band mit dem aus dem Englischen übersetzten Titel  "Muslimische Gangs – die Zukunft der Muslime im Westen". Die Verfasser dieses Buches setzen auf eine "zunehmende Polarisierung zwischen Muslimen und Nichtmuslimen". In umgekehrter Polarisierung stimmt das überein mit der Zielstellung der "Rechtsextremen". Die "Linksextremen" haben ebenfalls die Polarisierung der Gesellschaft zum Ziel. Wobei bei ihnen das Grundmuster "Gut und Böse" gilt. Damit können sie alle auch das nachfolgende Zitat aus dem "Muslim Gang Book" mit wenigen Worten passend für sich zurecht formulieren.

Wenn Du ein Gläubiger bist, der die Muslime verteidigen und danach Rom befreien will, dann ist dieses Buch für Dich. Es soll Muslimen eine Starthilfe geben, ihre eigenen Banden zu gründen und diese in eine Dschihad-Bewegung zu verwandeln, die weiter heranwächst zu einer starken Macht im Westen. Lasst uns beginnen mit Allahs Hilfe. (E. Theveßen, 2016, S. 51)

Die in dem Buch beschriebene Vorgehensweise sowie die für den "Kampf" empfohlenen Mittel basieren vermutlich auf einer Analyse der Geschichte und Gegenwart der politischen Bewegungen. Deshalb sind sie nicht neu. Neu ist jedoch, dass sie nicht irgendwelchen Avantgarden empfohlen werden, sondern so genannten "Normalos". Angehörigen einer Gemeinschaft, die international existiert und der sich fast 1,6 Milliarden Menschen zugehörig fühlen, den Muslimen. Darin liegt die besondere Brisanz. Aber nur dann, wenn außer Acht gelassen wird, dass die übergroße Mehrheit dieser Gemeinschaft sich nicht von dem im "Muslim Gang Book" und in anderen Arbeiten des extremen Islamismus ausformulierten Konzept angezogen fühlen. Und dieser übergroßen Mehrheit sollte vor allem die Aufmerksamkeit gelten und nicht den um Augenblicksaufmerksamkeit heischenden islamistischen Terroristen. Auch wenn ihre Gefährlichkeit nicht zu unterschätzen ist.

Möglicherweise haben extremistischen Islamisten auch die Geschichte der extremistischen Bewegungen studiert, die es geschafft hatten, nicht nur in ihren jeweiligen Gesellschaften mit Menschenleben fordernden Anschlägen Angst und Schrecken zu verbreiten, sondern damit auch an die Macht zu kommen. Wie in Russland oder in Deutschland.

Brennende Autos – Polizeifahrzeuge oder von Privatpersonen -, Barrikaden auf den Straßen, Straßen- und Häuserkampf gegen die bewaffnete Staatsmacht, Schaffung von Zonen, in die sich die Ordnungsmacht nicht mehr traut – so genannter No-Go-Areas. Dieses Szenario ist nicht nur im "Muslim Gang Book" zu finden. Es gehört zur Grundlage des Handelns aller extremistischen, auf die Anwendung von repressiver Gewalt setzenden Gruppierungen. Die Potsdamer konnten dies in den 1990er Jahren erleben, als große Teile der Innenstadt von Hausbesetzern okkupiert waren.

 

Massivste Prävention anstatt verschärfter Repression

Extremismus wird es in unserer Zeit immer geben. Auch die nachfolgenden Generationen müssen mit ihm leben. Sofern es nicht gelingt, einen radikalen Kulturwandel zu vollziehen. In den von Hollywood international verbreiteten Zukunftsszenarien wird eine Welt präsentiert, die diesen Kulturwandel nur in der Form erlebt hat, dass das schon schlimm Gewesene zu einem noch Schlimmeren mutiert ist. Wo Hoffnung verbreitet werden sollte, werden die Menschen mit Untergang konfrontiert. Wo Friedenserziehung Platz haben sollte, steht die ideologische und emotionale Förderung der Bereitschaft zur Kriegsführung im Zentrum.

Wer nicht bei Repression stehen bleiben will, muss vor allem auf Prävention setzen. Wer sich vor allem von der Prävention Erfolge im Kampf gegen alle Formen von Extremismus verspricht, muss sich aber selbst verändern. Es geht nicht nur um den Kampf gegen die extremistischen Auswüchse von Gewalt. Es geht um den schonungslosen Kampf gegen die Gewalt in der menschlichen Gesellschaft an sich. Doch dazu ist die Menschheit  aktuell und in diesem Jahrhundert nicht in der Lage. Zu sehr sind ihre führenden Repräsentanten der Vergangenheit verhaftet. Diese Verhaftung ist nicht auflösbar, sondern wird von Politikergeneration zu Politikergeneration reproduziert, und das in immer schlimmerer Form. Aktuelle Beispiele dafür sind Erdogan, Trump, Putin und viele andere bis hin zu den Brexit-Befürwortern, den Repräsentanten der Atomisierung der Gesellschaft.