Verschwörungstheoretiker in Potsdam?

Rüdiger Braun, bei der MAZ für die Bildung und Wissenschaft betreffenden Themen zuständig, scheint Verschwörungstheoretikern auf die Spur gekommen zu sein. In der MAZ vom 02. Dezember 2016 schreibt er in Verbindung mit einem Symposium der Universität Potsdam und mit dem dort vorgestellten Buch von Barbara Marshall "Die deutsche Vereinigung in Akademia: West- und Ostdeutsche im Gründungsprozess der Universität Potsdam 1990-1994":

Dass Marshalls Thesen den Aufsätzen des Historikers Manfred Görtemaker ähneln ist nicht das Ergebnis von Absprachen. Marshall weist die "Verschwörungstheorie" zurück, ihr Buch sei auf Auftrag des Potsdamer Zeithistorikers entstanden. "Wir haben uns ganz selten getroffen", sagt sie der MAZ.                  (Siehe dazu.)

Die Online-Version des Beitrages ist nicht identisch mit der Druckversion. In der im Internet am 01. Dezember 2016 veröffentlichten Fassung heißt es zu dem oben zitierten Sachverhalt:

Dass Marshalls Thesen so sehr den neueren Aufsätzen Manfred Görtemakers ähneln, ist zwar kein Zufall – beide haben den selben Forschungsgegenstand und nutzen ähnliche Quellen -, aber keineswegs das Ergebnis von Absprachen. Marshall weist die „Verschwörungstheorie“ zurück, ihr Buch sei auf Auftrag des Potsdamer Zeithistorikers entstanden. „Wir haben uns ganz selten getroffen“, sagt sie der MAZ.

Vom wem geäußert worden sei, dass das Buch auf Auftrag von Professor Görtemaker entstanden wäre, und wo eine derartige Äußerung zu finden ist, lässt der Autor des Beitrages offen. Für nicht erwähnenswert hält er zudem, dass zu der von Barbara Marshall aufgestelten These auch eine Gegenthese formuliert werden kann. Doch wie sagt Frau Marshall über sich selbst:

„Das Streiten über Thesen liegt mir nicht.“

Im von der Kirche vor wenigen Wochen ausgerufenen Reformationsjahr hätte man eine solche Aussage nicht erwartet. War denn die Reformation nicht auch ein Streit um die von Martin Luther aufgestellten Thesen? Ist die Auseinandersetzung mit Thesen nicht ein wesentlicher Bestandteil des wissenschaftlichen Arbeitens? Bereits als Studenten – hier beziehe ich micht auf mein Studim an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – mussten wir den nationalen und internationalen Forschungsstand zu dem gewählten Forschungsthema aufarbeiten und uns mit den in den veröffentlichten Arbeiten enthaltenen Grundaussagen auseinandersetzen.

Die vollständige Kenntnis des über einen Gegenstand bereits Bekannten ist die Voraussetzung für eine der realen Problemsituation entsprechenden Problemformulierung. Die darauf fußende systematische Quellensuche setzt eine aus Problem und Hypothese abgeleitete Fragestellung voraus. Thesen und Gegenthesen sind für die Formulierung einer der Nachprüfung stand haltenden Hypothese sehr hilfreich und notwendig.

Rüdiger Braun wäre gut beraten gewesen, die Thematik "Universitätsgründung" auf der wissenschaftlichen Ebene zu belassen. Statt dessen fügt er in seinen Text Begriffe und Formulierungen ein, die für eine sachliche Auseinandersetzung nicht hilfreich sind. Mögliche Kritiker sollen wohl zum Verstummen gebracht werden, wenn es in der Überschrift der Druckversion heißt:

Die Beweise sind erdrückend.

Weiter heißt es im Text:

Weder fehlende Sorgfalt noch Revanchebedürfnis kann man der freundlichen Dame unterstellen.

Ich bin eine alte Frau, ich kann es mir leisten, ehrlich zu sein.

Im Onlinetext wird noch zugespitzter formuliert:

Ohne Schaum vor dem Mund, akribisch und mit weit in der brandenburgischen Geschichte ausholendem Gestus

Aus dem Kampf der Angestellten der Vorgängereinrichtungen mit westlichen Mitgliedern des Gründungssenats ergibt sich ein Chaos, das hinter scheinbar wohlgeordneten Kulissen der Verwaltung und des von Hinrich Enderlein (FDP) geführten Wissenschaftsministeriums fröhliche Urstände feierte.

Mit trockenem britischem Humor sagt sie von sich: „Ich bin eine alte Frau, ich kann es mir leisten, ehrlich zu sein.“ Wenn auch andere ehrlich wären, würden sie sagen: Die Frau hat recht. „Die Beweise sind erdrückend“, sagt Marshall.

Wissenschaftliches Arbeiten setzt Ehrlichkeit voraus.

Darüber müsste in Verbindung mit einer wissenschaftlichen Publikation gar nicht geschrieben werden.

Zu einer Auseinandersetzung mit der Arbeit von Frau Marshall wird es vermutlich nicht kommen. Dafür ist es zu spät. Im Entstehungsprozess des Buches und spätestens im Vorfeld des am 2. Dezember 2016 durchgeführten Symposiums hätte diese erfolgen müssen. Doch das passierte nicht. Was das Symposium selbst diesbezüglichg geleistet hat, ist abzuwarten. Die Arbeit von Frau Marshall jedoch wird für heute und die nächsten Jahre anleitend auf die Meinungsbildung wirken.

Bedacht werden sollte aber auch:
Das über Jahrzehnte verbreitete Bild über die Bundesrepublik Deutschland und ihre Machtzentren wird seit einiger Zeit einer Überprüfung unterzogen. Aktuiell beschäftigen sich Wissenschaftler mit der Person und der Rolle des einstigen Chefs des Bundeskanzleramtes Hans Globke. Die Ergebnisse der aktuellen Untersuchungen entsprachen bisher sehr oft dem, was renommierte Wissenschaftler und auch Politiker bereits vor Jahrzehnten öffentlich geäußert hatten. Die damals vorgelegten Beweise waren fundiert, entsprachen aber nicht dem Zeitgeist, weshalb sie abgelehnt wurden.
Der Arbeit von Barbara Marshall ist zu wünschen, dass sie nicht das gleiche Schicksal erleiden wird. Doch das ist eine Angelegenheit nachwachsender Generationen.

Für Herrn Braun und alle, die es interessiert, füge ich einen in der MAZ vom 09.11.2000 veröffentlichten Beitrag als pdf-Dokument an.

 

Notwendiger Nachtrag

In einem Bericht über das Symposium, veröffentlicht in der MAZ am 03. Dezember 2016, unternahm Rüdiger Braun den Versuch, die Kompliziertheit der Ereignisse rund um die Universitätsgründung besser sichtbar zu machen. Wobei er die Meinungen in "Pro & Contra" unterteilt.
Wenn es gelingt, ein Ereignis nicht nur in dieser Form zu bewerten, sondern auch die sich zwischen Pro und Contra befindenden Bewertungsmöglichkeiten herauszuarbeiten, dann ist sehr viel erreicht.

Allen in die Diskussionen zu dieser Thematik eingebundenen Personen und Institutionen ist das im Interesse des für solide wissenschaftliche Arbeit erforderlichen Friedens nur zu wünschen!

 


Hilfen zum allgemeinen Verständnis

Jens Reich in Spektrum der Wissenschaft, Heft 12/1996, Seite 51

– Rüdiger Braun: Wiedergeburt statt Abwicklung… . In: MAZ v. 15.06.2001

Helmholtz Gemeinschaft: 25 Jahre zusammen. Wissenschaftler in Ost und West v. 25. Oktober 2015