Schulleitungs-Mobbing in Potsdam

"Steht auf! Potsdamer Mobbingopfer wehren sich" heißt eine neue, bei Facebook gebildete Gruppe. Ihre Seite ist nur nach Anmeldung bei dem sozialen Netzwerk zugänglich.
Angesprochen werden Lehrerinnen und Lehrer von Potsdamer Schulen, die von ihren Schulleitungen gemobbt werden bzw. wurden oder die das Gefühl haben, einem Mobbing durch die Vorgesetzten ausgesetzt zu sein. Schulleitungen, die in den letzten Jahren besonders durch Mobbing gegen ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aufgefallen sind, haben die hinter dieser Gruppe stehenden Personen im Blick. Die Notwendigkeit für die Erstellung der Seite ergab sich auch aus der Tatsache, dass vor Bildung der Gruppe bei Facebook Lehrkräfte von Potsdamer Schulen die hier gebotene Möglichkeit zur Hilfe und Selbsthilfe genutzt hatten.

Hat Mobbing durch Schulleitungen gegen Lehrerinnen und Lehrer an einzelnen Schulen in Potsdam zugenommen?
Besonders seit dem letzten Jahr drängt sich dieser Eindruck auf. Lehrkräfte verließen Schulen, an denen sie mitunter über Jahrzehnte tätig waren, und die sie von sich aus nicht verlassen wollten. Und wofür es weder fachlich noch persönlich einen Grund gab.
Aber unter dem von der Schulleitung ausgeübten Druck und im Interesse der eigenen Gesundheit wurde ihnen keine Wahlmöglichkeit gelassen oder sie sahen selbst keine andere Chance mehr, weiter bleiben zu dürfen. Auffällig ist, dass der erzwungene Wechsel besonders Frauen traf, ab Mitte 50, fachlich sowie pädagogisch sehr gut ausgebildet.

Wer trägt die Verantwortung dafür, dass die Konflikte an den Schulen zunehmen und immer aggressiver ausgetragen werden?
In den Schulen geht es natürlich genau so zu wie in der Gesellschaft insgesamt. Auch dort hat die Aggressivität zwischen den Menschen
zugenommen. Doch im Bildungsbereich wird das zusätzlich verschärft durch die Bildungspolitiker, die ein neues Projekt nach dem anderen verkünden. Kontinuität und Zielgerichtetheit in Bildung und Erziehung aber nicht zulassen. Lehrer, Kinder und Eltern befinden sich deshalb seit Jahren in einer Streßsituation. Diese wurde nie entschärft, sondern auch in diesem Jahr weiter verschärft und droht, 2018 noch schlimmer zu werden.

Im Januar 2017 wurde eine Studie vorgestellt, die sich mit Gewalt und Mobbing zwischen Schülern befasst. Der Fokus lag aber auf dem Handeln von Lehrkräften, wenn es darum geht, dem Mobbing und der Gewalt wirksam zu begegnen. Mit dem Mobbing von Schulleitungen gegen Lehrer hat sich die Studie nicht befasst.
Die Opfer des Schulleitungs-Mobbing sind in der Mehrzahl der Fälle allein. Die dafür Verantwortlichen sonnen sich in dem Gefühl, unbehelligt agieren zu können. Sie setzen andere ins Unrecht und pachten für sich das Recht. Sie sorgen für Unruhe, schüren Aggression und leisten dem Heranreifen von Gewaltausbrüchen aktiv Vorschub.
In einer Zeit, da der Terrorismus den Frieden der Gesellschaft bedroht, kann und darf nicht zugelassen werden, dass die Mobberinen und Mobber freie Hand haben. Deshalb, so der Aufruf der Facebook-Gruppe "Wehrt Euch gegen das Unrecht. Lasst Euch nicht durch Mobbing die Lebensfreude nehmen. Steht auf!"

Bereits 2005 sind Verwaltungen gemobbten Lehrkräften in den Rücken gefallen,
im Interesse der mobbenden Schulleitungen. Dabei werden  Lehrerinnen und Lehrer überdurchschnittlich häufig (54,09 %) von Schulleitungen gemobbt. Mobbing durch Eltern von Schülerinnen und Schülern kommt auf 20,78 %. Zwei Drittel aller Mobbing-Opfer sind Frauen. Sie werden sowohl von Frauen als auch von Männern gemobbt, Männer werden dagegen meistens nur von Männern angegriffen. Weibliche „Mobber“ attackieren fast ausschließlich Frauen. Während Männer eher offensiv angreifen, agieren Frauen indirekt, versteckt, „hinterm Rücken“.

Man ist Ende 50, freut sich – was in dem Alter ungewöhnlich ist – noch täglich auf seine Arbeit in der Schule, auf die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen. Jahrelang hat die Schulleitung die gebotene Leistung angenommen und gewürdigt. Auf einmal ist das vorbei. Einladungen (eigentlich Vorladungen) zu Gesprächen häufen sich. Die Gesprächsgründe werden immer nichtiger. Die Termine für die Gespräche kommen immer unverhoffter. Das Mitbringen eines Beistandes wird von der Schulleitung nicht geduldet. Der oder die Vorgeladene sitzt dann allein zwei oder mehr Mitgliedern der Schulleitung gegenüber. Schweigen ist in dem Augenblick unbedingt geboten! Jedes Wort könnte eines zuviel sein. Zwei gegen einen oder eine. Da sind die zwei im Vorteil. Unter Stalin sahen sich die "Vorgeladenen" in den Tribunalen jeweils drei Rechtenden gegenüber. Eine Chance auf Recht, hatten sie zu keiner Zeit. Damals wurde das Willkür und Verstoß gegen das Recht genannt. Heute bezeichnen wir das als Mobbing.

Schwache Vorgesetzte (intellektuell, fachlich, menschlich), ihnen hörige oder sich ihnen freiwillig unterwerfende Leitungskräfte, das ist eine ganz gefährliche Mischung.
Gefährlich ist auch der Prozess der Wandlung, den Vorgesetzte durchmachen. Bewerbe
n sie sich um eine Stelle, präsentieren sie ihre freundlichsten Seiten. Fühlen sie sich auf ihrer Stelle sicher und haben sie sich einen eigenen Hofstaat von unterwürfigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geschaffen (mit Freundlichkeit, List oder sogar Anwendung von Druck), kommt ihr wahrer Charakter zum Vorschein.Oftmals zu spät!

Gemobbte Schülerinnen und Schüler erhalten Hilfe. 2012 rief die Techniker Krankenkasse (TK) zusammen mit dem Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg (MBJS) die Initiative "Mobbingfreie Schule – gemeinsam Klasse sein!" ins Leben. 2013 wurde die Initiative durch das Modul Cybermobbing erweitert.  Auch die vom Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg veröffentlichte Anti-Mobbing-Fibel nimmt sich des Mobbings (zwischen Schülern) an. Seit 2008 ist sie jedoch nicht mehr aktualisiert worden.

Wer wegen Mobbing durch die Schulleitung nicht mehr weiter weiß, sollte unbedingt sofort reagieren. Im Interesse der eigenen Person, der Familie und der Arbeitsfreude.
Schülerinnen und Schüler erhalten Hilfe. Ihre Lehrerinnen und Lehrer müssen aber allein damit klarkommen. Sind ja schließlich Erwachsene! So vermutlich die Denkweise bei den Bildungspolitikern, aber auch den sich als ihre Interessenvertreter darstellenden Gewerkschaften und Verbänden.

Die Gewerkschaft ver.di hat das Mobbing durch Vorgesetzte auf ihrer Internetseite ganz gut beschrieben.
Aber lediglich die Bundesarbeitsgemeinschaft Lehrer gegen Mobbing e.V.. gewährt Betroffenen wirklich Hilfe. Ansonsten müssen die Gemobbten auf Literatur zurückgreifen. "Mobbing gegen Lehrer: Tipps und Strategien zur Selbsthilfe und Prävention" heißt einer dieser Titel. Bereits 2006 erschienen – aber immer noch aktuell –  ist die Broschüre "Lehrergesundheit – Baustein einer guten gesunden Schule". Ein Jahr später erschien die ebenfalls weiterhin sehr gut verwendbare Schrift "Konflikte bearbeiten – Mobbing verhindern. …auf dem Weg zum gesunden Arbeitsplatz Schule". Auch den Führungskräften an den Schulen, in den Schulämtern und im MBJS könnte Weiterbildung nicht schaden. Ihnen wird der folgende Buchtitel ans Herz gelegt: "Die Förderung der Berufszufriedenheit von Lehrkräften…". Und bevor Mobbing oder andere Formen der Anwendung von psychischer und physischer Gewalt in einem Amoklauf eskalieren, sollte hier nachgelesen werden: "Krisen im Schulalltag. Prävention, Management und Nachsorge".

Weder das Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg (MBJS) noch die Universität Potsdam griffen je das Thema "Schulleitungs-Mobbing" auf.
Es liegen auch keine schriftlichen Hilfestellungen für die von Schulleitungs-Mobbing betroffenen Lehrkräfte seitens der für sie zuständigen Personalvertretung vor. Fehlanzeige zu diesem Thema auf der Internetseite des GEW-Kreisverband Potsdam-Stadt, bei dessen Personalrat und im Hauptpersonalrat beim MBJS. Entdeckt werden konnte auch kein Hilfeangebot der GEW für die von Mobbing betroffenen Personen. Dabei gibt sich der GEW-Landesvorsitzende Günther Fuchs ansonsten so kämpferisch. Oder ist das nur gespielt?
Nicht nur die angestellten Lehrkräfte haben ein Problem, wenn sie Hilfe gegen Mobbing suchen. Auch ihre verbeamteten Kolleginnen und Kollegen werden allein gelassen. Zumindest konnte beim Deutschen BeamtenBund Brandenburg (dbb) nichts anderes festgestellt werden.
Lehrerräte, die sich an den Schulen für ihre Kolleginnen bzw. Kollegen einsetzen, geraten in das Visier der mobbenden Schulleitung und müssen erleben, hilflos und von ihren Interessenverbänden in Stich gelassen, wie sie systematisch ausgeschaltet werden. Wer sich nicht unterwerfen will, verlässt die Schule oder reicht seinen Rücktritt aus dem Lehrerrat ein. Das ist Demokratie und Interessenvertretung heute! Traurig, aber wahr.

In diesem Zusammenhang und das Thema zunächst einmal abschließend, stellt sich eine Frage:
Wann wird dieses offizielle Dokument von 2009 durch das dafür zuständige MBJS über- und dann auch das Thema "Mobbing durch Schulleitungen" eingearbeitet?