Vom 5. bis zu 27. Juni 1755 unternahm Friedrich II. eine Reise, die ihn in die westlichen Gebiete seines Herrschaftsbereiches – und zur Überraschung vieler – weiter bis nach Amsterdam führte. In die Geschichte ging sie als die Reise ein, die Preußens König als einzige erfolgreich absolvierte Auslandsreise vorweisen konnte.

Aufmerksam geworden bin ich auf sie beim Lesen der Tagebücher von Henri Alexandre de Catt (Vorleser des Königs), die unter dem Titel „Friedrich der Grosse. Gespräche mit Catt“ veröffentlicht wurden. In der Einführung zu den Tagebüchern berichtet de Catt, wie er Friedrich II. begegnete und später in dessen Dienste trat. Beide trafen auf der Rückfahrt Friedrichs aus den Niederlanden zusammen, so dass sich Catts Erinnerungen nur auf den Verlauf dieser Begegnung beschränken. Warum der König überhaupt weit im Westen unterwegs war, begründet er damit, dass dieser „im Jahre 1755 nach Wesel gegangen war, um die Regimenter dieser Stadt zu besichtigen”.[1]

Je mehr ich das Thema aufarbeitete, um so mehr Informationen fand ich, um so größer wurden die Fragezeichen.

Die Reise vom Sommer 1755 in der Literatur

1840 erschien die Arbeit „Tagebuch oder Geschichtskalender aus Friedrich`s des Großen Regentenleben (1740 – 1786), mit historischen und biographischen Anmerkungen zur richtigen Kenntniß seines Lebens und Wirkens in allen Beziehungen“. Ihr Verfasser und Herausgeber war Karl Heinrich Siegfried Rödenbeck, ordentliches Mitglied des Vereins für die Geschichte der Mark Brandenburg zu Berlin“.

Zum Anliegen seiner Publikation stellt Rödenbeck eingangs fest:

Diese Schrift, an welcher der Herausgeber seit 1820 gesammelt, war von ihm ursprünglich nur unternommen worden, um verschiedene wahre und erdichtete Erzählungen und Anekdoten aus dem Leben Friedrichs des Großen zu prüfen und zu verificieren, und hatte allein zum Zweck: die jedesmaligen Aufenthaltsorte des Königs auszumitteln… Bei der großen Menge von Schriften, welche der Herausgeber dabei durchsuchen musste, stieß er aber auf so viele, für die Geschichte des Königs merkwürdige und oft höchst interessante Einzelheiten, dass er sich nicht versagen konnte, alle diese Notizen mit in seine Sammlung aufzunehmen, wodurch denn selbige ihm gleichsam, wie man zu sagen pflegt, unter der Feder wuchs und so die Ansicht gewährte, dass sie auch wohl dereinst einem Biographen des Königs von Nutzen sein könnte, weshalb er denn eifrigst zu sammeln fortfuhr und die Sammlung zum Druck bestimmte, diesen jedoch immer verschob, weil sich immer mehr Quellen öffneten, sie zu vervollständigen.

Bei der Rekonstruktion der Reise Friedrichs II. stützte er sich auf verschiedene Publikationen. Die Erinnerungen von de Catt waren offensichtlich nicht darunter. Zumindest erwähnt er sie nicht ausdrücklich. Besonders wichtig waren für ihn ein Brief von Catt an den Verleger de Laveaux sowie eine 1790 erschienene Schrift „Die Regierung Friedrich des Großen. Ein Lesebuch für Jedermann“. „In diesem Buch“, schränkt er aber ein, „werden zwei interessante Anecdoten erzählt, die wir hier mittheilen, ohne jedoch die Aechtheit verbürgen zu können.“

Franz Theodor Kugler, Kunsthistoriker, Geheimer und Vortragender Rat im Preußischen Kultusministerium sowie Professor an der Berliner Universität, ist derjenige von dem wir umfassendere Nachricht über des Königs Reise erhalten. Aus Anlaß der 100jährigen Wiederkehr des Tages der Thronbesteigung von Friedrich II. im Jahr 1840 erhielt er von dem Leipziger Verleger J. J. Weber den Auftrag, ein Gedenkwerk über den König zu verfassen. Weihnachten 1842 kam die„Geschichte Friedrichs des Großen” heraus.

Kugler „war bestrebt, die Lebensgeschichte des Monarchen frei von Beschönigung oder dichterischer Verklärung zu erzählen und dabei Sprache und Stil so zu gestalten, daß der Gebildete wie der einfache Mann des Volkes mit gleicher Freude und Anteilnahme seiner Darstellung folgen konnte. Der weite historische Abstand, die tiefeinschneidenden nationalen Wandlungen und die völlige Umgestaltung des politischen Weltbildes konnten freilich den Wert des Buches nicht unbeeinträchtigt lassen, zumal eine wirklich mitreißende Darstellung der vielen dramatischen Momente in Friedrichs des Großen Leben Kugler nicht gegeben war“.[2]

Zu Friedrichs Reise im Juni 1755 vermerkt Kugler:

Im Jahre 1755, als Friedrich eine Reise in die westlichen Provinzen seines Staates machte, fand eine persönliche Zusammenkunft (mit d` Alembert, d.Verf.) in Wesel statt… Mit derselben Reise verknüpfte Friedrich noch einen weiteren Ausflug, dessen heitres Bild die Reihe seiner friedlichen Vergnügungen, die bald durch neu hereinbrechende Stürme auf lange Zeit zerstört werden sollten, anmutig beschließt. Er ging nach Holland, vornehmlich in der Absicht, die dortigen Kunstschätze zu besichtigen, denn er selber hatte jetzt im Sinne, in Sanssouci eine große Gemäldegalerie anzulegen.[3]

Kuglers Darstellung enthält eine Anekdote (auf die ich später eingehe), deren Quelle jedoch nicht genau auszumachen ist. Ansonsten interpretiert er zumeist Aussagen, wie sie sich in den „Tagebüchern” de Catts finden.

 Thomas Carlyle (1795-1881), der bedeutende schottische Philosoph, Historiker, Essayist, Geschichtsschreiber und sozialpolitische Schriftsteller, – der sich in sechs Bänden mit dem Leben Friedrich II. befaßt – schreibt 1851:

Im Sommer 1755, nach den Musterungen in den Westprovinzen und einer kurzen Reise nach Ostfriesland und von da nach Wesel am Rhein … beschließt Friedrich einen Ausflug nach Holland: unter strengem Inkognito, nur von Balbi (Ingenieur, Genuese von Geburt) und einem Pagen begleitet. Sagte seinem d`Alembert Lebewohl und reiste von Wesel am 19. Juni dahin ab.”[4]

Über Friedrichs Reiseziel berichtete der Potsdamer Kunstgärtner Heinrich Ludwig Heydert, gestützt auf die Aufzeichnungen seines Großvaters Joachim Ludwig Heydert, in dem in der 13. Sitzung des “Vereins für die Geschichte Potsdams” am 29. September 1863 gehaltenen Vortrag „Die Bilder-Gallerie von Sanssouci”:

„Zu damaliger Zeit erfreute sich Tulpenburg, die Besitzung des durch die Inquisition aus Portugal vertriebenen, nach Holland geflüchteten, außergewöhnlich reichen Juden Pinto, eines anerkannten Rufes wegen der kostbaren Grottierungen seiner, natürlich in Holländischem Geschmack angelegten Gärten. Die Sehenswürdigkeit dieses Privat-Eigenthums mag die Veranlassung gegeben haben, daß unser großer Monarch den 22. Juni jenes Jahres dasselbe mit seinem Besuche beehrte. Die Anlagen und Grottir-Arbeiten, welche erstere zum Theil, letztere fast allein von meinem, dort als Gärtner, Grotteur und Architekt angestellten Großvater angelegt waren, erndteten derartig den vollen Beifall des Königs, daß derselbe sich theils persönlich, theils durch seinen Begleiter, den Obristen vom Ingenieur-Corps v. Balby nach Allem genau erkundigte. Besondere Freude schien es ihm zu machen, als er erfuhr, daß mein Großvater ein geborener Preuße sei.”[5]

Hans Droysen geht in seinem 1916 veröffentlichten Aufsatz „Tageskalender Friedrichs des Großen vom 1. Juni 1740 bis 31. März 1763” wesentlich weiter und liefert uns einen chronologischen Überblick des möglichen Verlaufs der Reise des Alten Fritz von Potsdam bis Wesel, durch die Niederlande und zurück über Wesel nach Potsdam.[6]

In den 20er Jahren hielt der Potsdamer Stadtchronist Hans Kania einen Vortrag über „Friedrich den Großen als Kunstsammler“, in dem er weitere Aussagen zum möglichen Hintergrund der Hollandreise des Monarchen machte:

„Die abenteuerliche Reise nach Holland mutet an wie ein letzter Jugendstreich, sie zieht aber gleichzeitig einen Strich unter das Vergangene. Als ´Kapellmeister des Königs von Polen` reiste Friedrich mit dem Oberstleutnant Balbi 1755 nach Amsterdam und dem Haag, dem großen Kunstmarkt Europas. Hier schloß er die Ankäufe neuer Bilder ab, die großen niederländischen Meister, Rembrandt, Rubens, van Dyk gelangten in seinen Besitz. Auch die hier vielfach zum Verkauf stehenden Italiener wurden neu hinzu erworben, soweit ihre Farbenwirkung den Niederländern verwandt war. Fortan bestimmen die niederländischen und italienischen Klassiker der Malerei den Geschmack des Herrschers. In Amsterdam berührte ihn ferner der Geist der holländisch-englischen Baukunst, den Plan zum Neuen Palais ließ er wahrscheinlich von einem holländischen Meister entwerfen und brachte ihn mit nach Potsdam. Auch auf diesem Gebiet hat er damit den Abschluß einer Entwicklung erreicht. Die Reise nach den Niederlanden bedeutet für seinen Kunstgeschmack dasselbe wie für Goethe die italienische Reise.”[7]

Friedrich Backschat, ebenfalls eine das Profil bestimmende Persönlichkeit im „Verein für die Geschichte Potsdams“ stellt 1934 fest:

„Zu der Inkognito-Reise Friedrichs des Großen nach Straßburg im Elsaß im Jahre 1740 bildet sein Abstecher, den er im Juni 1755 machte, ein Gegenstück. … Dieser Ausflug, der keinen politischen Hintergrund hatte, sondern nur die Besichtigung berühmter holländischer Gemäldegalerien und den Ankauf von Gemälden bezweckte…”.[8]

Der französische Historiker und Publizist Pierre Gaxotte (1895-1982) ordnet die Reise in die europäischen Machtkämpfe vor dem Siebenjährigen Krieg ein und schreibt im 1938 erstmalig erschienenen Buch „Friedrich der Große”:

„Im Juni hatte er sein Inspektionsreise nach Wesel dazu benutzt, als Musiker verkleidet, einen kleinen Abstecher nach Holland zu machen. Die Straße von Berlin nach Westfalen läuft nahe an Hannover vorbei, ein kleiner Umweg hätte ihn zu seinem Onkel geführt. Sowohl auf der Hin- wie auf der Rückreise war eine Begegnung der beiden Könige in Aussicht genommen worden, doch kam es nicht zur Ausführung dieses Planes.”[9]

Gemeint war hier Georg II., Kurfürst von Hannover und König von England.

Hans Leuschner greift in seiner 1986 erschienen Publikation „Friedrich der Grosse” die Position von de Catt auf:

„Als Friedrich II. im Juni 1755 zu Truppenbesichtigungen in Wesel weilte, unternahm er spontan einen kleinen Abstecher nach Amsterdam. Er reiste inkognito, getarnt mit einer schwarzen Perücke und gab sich, während Catt, studierender Sohn eines wohlhabenden Zuckerwarenhändlers, auf einem Flußboot zwischen Utrecht und Amsterdam mit ihm ins Gespräch kam, als königlich-polnischer Kapellmeister aus. Friedrich II. war von der Wesensart Catts, von seiner Bildung und Beredsamkeit so eingenommen, daß er ihm wenig später das Angebot machte als Vorleser in seine Dienste zu treten.”[10]

 

Zum Verlauf der Revuereise insgesamt

23 Tage dauerte die Reise, die Friedrich II. im Juni 1755 unternahm. Ungefähr 2.820 km legte er dabei zurück. Zumeist nutzte er seine Kutsche, mitunter vielleicht sein mitgeführtes Pferd (?), nachweisbar einen Mietwagen, eine Schute und ein anderes Schiff. Es gab Tage, wo er nicht unterwegs war. Teilen wir die Gesamtanzahl der Tage durch die Gesamtkilometer ergibt sich immer noch ein Tagesdurchschnitt von 123 zurückgelegten Kilometern. Bei der Postbeförderung wurden an jeweils etwa 35 km auseinander liegenden Relaisstationen die Pferde gewechselt. Bezüglich der durchschnittlichen Reisegeschwindigkeit gibt es unterschiedliche Angaben. „Wer es eilig hatte, regelmäßig die Pferde wechseln konnte, zäh und belastbar war, mochte über längere Zeit vielleicht einen Durchschnitt von 50 bis 60 Kilometern pro Tag halten.“[11]

5. Juni 1755
Am Abend des 5. Juni 1755 – einem Donnerstag – verließ Friedrich II. seine Residenzstadt Potsdam, vermutlich durch das Neustädtische Tor. Der König und sein Tross werden auf der befestigten Hauptstraße Richtung Brandenburg/Havel gefahren sein, in deren Verlauf die heutige Bundesstraße 1 liegt.
Über Glindow, Groß Kreutz ging es nach Brandenburg/Havel, in dem sich ein preußisches Hauptzollamt befand. Bleiben wir im Verlauf der Bundesstraße 1 verlief die Reise weiter über Plaue (Hauptzollamt), Genthin (Nebenzollamt), Parchen und Burg (Hauptzollamt) bis Schermen. Hier wurde die Hauptstraße verlassen und der zu dem Dorf Pietzpuhl führende Weg genommen. In einer Nacht legten der König und sein Gefolge damit 104,30 km zurück.

6. Juni 1755

PIETZPUHL

In den Vormittagsstunden des 6. Juni schlug Friedrich in Pietzpuhl sein Lager auf. Am 7. Juni 1755 fand dort ein Manöver statt. Bis zum 8. Juni sollen, so Droysen, der König und sein Gefolge auf dem Gelände am 105 Meter hohen Kapaun-Berg biwakiert haben.[12] Vom 9. Juni 1755 datiert ist aber eine „Cabinetsordre an das General-Directorium”, die Friedrich II. im „Campement bei Pitzpuhl, 9. Juni 1755” erließ und die folgenden Inhalt hatte:

„Nachdem S. K. M. bei Gelegenheit Dero jetzigen Anwesenheit allhier revolviret haben, bei Dero Magdeburgschen Krieges- und Domänenkammer nachstehende Veränderungen und respective Versetzungen zu machen, nämlich, daß zuvorderst und erstlich der bisherige Kriegesrath Plesmann, da sein erreichtes Alter und die verschiedentlich gehabte Zufälle, auch dadurh erfolgte Verminderung seiner Gemüthskräfte nicht mehr zulassen wollen, daß er seinem bisher habenden Departement mit derjenigen Vigilance und Exactitude, als er vorhin zu Sr. K. M. besondern Zufriedenheit gethan, vorstehen könne, seiner bisherigen Dienste in Gnaden erlassen (sein) und dabei auf seine ganze noch übrige Lebenszeit eine jährliche Pension von 300 Rthlr. aus seinem bisherigen Tractament behalten soll; dahergegen Höchstdieselbe in dessen Stelle und zu seinem bisher respicirten Departement den bisherigen Kriegesrath und Kammer-Secretarium Klevenau zu Stettin wiederum anhero zur Magdeburgschen Krieges- und Domänenkammer mit dem Character vom Krieges- und Domänenrath mit Sitz und Stimme und einem jährlichen Gehalt von 654 Thaler aus dem Plesmannschen Tractament, auch freier Wohnung auf der Accise zu Magdeburg gesetzet und ihm dabei die Bereisungen derer Messen zu Leipzig und zu Braunschweig aufgetragen werden sollen. Zweitens cassiren S. K. M. den bisherigen Jrieges- und Domänenrath der Magdeburgschen Kammer Bittorf, wegen seiner bezeigten schlechten Conduite und übler Aufführung gegen dessen Vorgesetzte. Drittens soll der Krieges- und Domänenrath Nöthing aus der Magdeburgschen Kammer zu der Pommerschen Kammer versetzet, hergegen der Krieges- und Domänenrath Krause von der Pommerschen Kammer hinwiederum in der zu Magdeburg mit einem jährlichen Gehalt von 600 Rthlr. aus denen durch obangeführte Veranlassung vacant werdenden Tractamenten placiret werden. Viertens aber ernennen S. K. M. zu Wiederbesetzung der Stelle des cassirten Bittorf den jetzigen Regiments-Quartiermeister Meinicke vom Langermannschen Dragonerregiment zum Krieges- und Domänenrath bei mehrermeldeter Magdeburgscher Kammer mit einem jährlichen Gehalt von 600 Rthlr. aus vorgedachten vacant gewordenen Tractamenten.
Als machen mehrhöchstgedachte S. K. M. solches alles Dero General-Directorio hierdurch bekannt, mit Befehl, das deshalb überall erforderliche gehörig zu verfügen und ausfertigen zu lassen.”[13]

9. Juni bis 11. Juni 1755

Am 8. Juni 1755 (bzw. 9. Juni) setzte Friedrich seine Reise fort, die ihn auf der befestigten Hauptstraße (heute Bundestrasse 1) von Schermen durch Magdeburg, über Olvenstedt, Erxleben, Helmstedt, Süpplingen und Königslutter Richtung Braunschweig führte. Welches er jedoch nicht betrat, sondern vorher (vermutlich in Cremlingen) von der befestigten Hauptstraße in Richtung Sickte abbog und sich nach Salzdahlum begab. Die von Pietzpuhl bis Salzdahlum zurückgelegte Entfernung betrug 108,20 km. Am 9. Juni 1755 trafen der König und seine Begleitung ein. Bis zum 11. Juni 1755 hielten sie sich in dem dortigen Lustschloss auf. Begleitet wurde Friedrich II. auf dieser Wegstrecke  u.a. von seinem Bruder Prinz August Ferdinand (?)[14] von Preußen, dem Obristlieutenant Johann Friedrich von Balby und dem Capitän Karl C. von der Goltz.

SALZDAHLUM

Zum Zeitpunkt seines Besuches in Salzdahlum war Friedrich II. 43 Jahre alt und Elisabeth Christine 39 Jahre (am 8. November 1755 beging sie ihren 40. Geburtstag). Der Vater der Königin, Herzog Ferdinand Albrecht II. von Braunschweig-Bevern war seit 1735 tot. Das Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel wurde von ihrem Bruder Karl I. von dessen Residenz Braunschweig (seit 1753 Residenz) aus regiert. Der drei Jahre nach ihr geborene Bruder, Ludwig Ernst, war seit 1751 Generalkapitän der Niederlande und bis 1766 Statthalter und Regent der Niederlande.[15]

Am 11. Juni brach Friedrich II. von Salzdahlum in Richtung seiner Exklave, dem Fürstentum Minden-Grafschaft Ravensberg, auf. Welcher Weg von Braunschweig nach Minden genommen wurde, ist nicht überliefert. Die Rekonstruktion der Fahrt anhand von Kartenmaterial – sowie mittels Abfahren der Strecke mit Pkw durch den Verfasser dieser Studie am 14. Juli 2002 – legt die Vermutung nahe, dass die Reise von Salzdahlum über Wolfenbüttel, Steterburg (heute ein Stadtteil von Salzgitter) und Lengede wieder zur befestigten Hauptstrasse (der heutigen Bundestrasse 1) erfolgte und auf dieser der Weg über Hildesheim und Coppenbrügge nach Hameln fortgesetzt wurde. Von Hameln aus können der König und die ihn begleitende Gesellschaft im Verlauf der heutigen Bundesstraße 83 über Hessisch-Oldendorf und Bückeburg nach Minden weitergefahren sein. 1827 war diese Strecke als chaussierte Hauptstraße ausgewiesen. Sie muss sich also auch schon 1755 hinsichtlich ihrer Beschaffenheit von anderen Wegen und Straßen abgehoben haben. Die am 14. Juli 2002 ermittelte Streckenlänge von Salzdahlum bis Minden (Zentrum) betrug 156,6 km.

  1. bis 12. Juni 1755

MINDEN

Nach Droysen kam Friedrich II. mit seiner Begleitung am 11. Juni in Minden an und verweilte dort bis zum 12. Juni. Das korrespondiert mit den Aussagen, die der Oberlehrer am Gymnasium und Realgymnasium der Stadt Minden, Dr. Wilhelm Schroeder, in seiner 1886 erschienenen „Chronik des Bistums und der Stadt Minden“ machte. Er schreibt:

„Auf seiner Reise nach Ostfriesland kam Friedrich II. am 11. Juni in Minden an, besichtigte am nächsten Tage das Bataillon Wutginaus und setzte dann seine Reise nach Bielefeld weiter fort.“ [16]

Der Oberst von Wutginau stand dem in Minden stationierten Garnisonbataillon seit dem am 13. Juli 1746 erfolgten Tode seines Vorgängers, des Obersten von Wobesser, vor. Wutginau wurde kurz nach dem Besuch Friedrichs im Juni 1755 „mit einem Gnadengehalt entlassen und der Oberstleutnant von Salmuth an seine Stelle gesetzt, der aber mit seinem Bataillon am 15. August nach Wesel abmarschierte, worauf das Regiment des Grafen von Neuwied nach Minden verlegt wurde“.[17]

Protokollarisch trat die Stadt Minden bei den Besuchen des Königs nicht in Erscheinung. Die mit den Aufenthalten verbundenen Unkosten durfte sie jedoch tragen. Wie von Hans Nordsiek zitierte und sich auf einen Aufenthalt des Königs in Minden im Juni 1751 beziehende Dokumente zeigen, lebten Friedrich II. und sein Gefolge auf Inspektionsreisen zu seinen Truppen „offenbar doch nicht so einfach und bescheiden…, wie manche seiner Biographen Glauben machen wollen“. Da eine angemessene Unterbringung des Königs und seiner Begleitung im Juni 1751 in Minden nirgends möglich war, befahl die Kriegs- und Domänenkammer dem Magistrat am 4. Juni 1751, „7 gute Bettstellen benebst denen dazu gehörigen betten für die Suite, so unsere höchste Person bey sich haben wird“, in das Haus des Obersten von Wutginau schaffen zu lassen. Der Magistrat konnte nur „mit großer Mühe“ sieben Bürger ermitteln, die Betten Laken, Pfühle und Kissen leihweise zur Verfügung stellen konnten. Für die Küche im Hause des Obersten hatte die Stadt einen neuen Küchentisch und „andere Sachen“ beim Tischler Sassenberg für 1 Reichstaler, 19 Mariengroschen anfertigen lassen müssen. Am 29. Juni 1751 präsentierte die Kriegs- und Domänenkammer zudem der Stadt Minden die Lohnkosten für das anlässlich des Königsaufenthaltes eingestellte Küchenpersonal, Lohn für zweitägige Küchenarbeit von 3 Männern und 2 Frauen sowie für die eintägige Arbeit von 2 Bratenwendern: insgesamt 3 Taler, 16 Mariengroschen! Einwände gegen die Höhe der Kosten wurden von der Kammer zurückgewiesen.“[18]

BIELEFELD

Am 12. Juni traf Friedrich II. in Bielefeld ein – der Hauptstadt der Grafschaft Ravensberg. Sein Weg kann ihn von Minden entlang der Weser durch den seit 1800 als Porta Westfalica bezeichneten Durchbruch des Flusses im Wesergebirge in das heutige Bad Oeynhausen und weiter über Herford – 1827 eine chaussierte Hauptstraße – nach Bielefeld geführt haben. Eine Wegstrecke von 5 Meilen Länge, also von rund 37,11 km (1 geograph. Meile = 7 421,5 m). Eine vom Autor dieser Studie am 16. Juli 2002 vorgenommene Befahrung dieser Route ergab eine Streckenlänge (bis Bielefeld-Zentrum) von 47,30 km.

Für einen Aufenthalt von Friedrich II. in Bielefeld konnten nach der bislang ausgewerteten Literatur keine Belege gefunden werden.[19] Vielleicht nahm der König auf der Sparrenburg, bei der dort stationierten kurbrandenburgischen Besatzung, Quartier.[20]

13. bis 17. Juni 1755

LINGEN

Die Stadt Lingen in der gleichnamigen Grafschaft war das nächste Ziel von Friedrich II., das er am Nachmittag des 13. Juni 1755 von Bielefeld aus kommend erreichte. Nach einer Notiz auf dem Rand eines Dokumentes vom 16. Juni 1755 soll der König ab Bielefeld nur noch mit einem Teil seines Gefolges gereist sein.

Auf dem vom Kammerpräsidenten Lentz in Aurich an den Minister Friedrich Wilhelöm von Borcke gerichteten Schreiben heißt es:

„Die Königliche Suite, Prinz Ferdinand, Obristlieutenant Balby, Capitän Goltz, alle übrige, auch der Cabinetswagen sind gleich von Bielefeld grade auf Wesel gegangen.”[21]

Die Grafschaft Lingen bildete mit der Grafschaft Tecklenburg eine weitere preußische Exklave. Vermutlich nahm Friedrich von Bielefeld einen Weg über Halle, durch den Teutoburger Wald bis Osnabrück und weiter über Bramsche, Fürstenau und Freren nach Lingen. Der Weg von Osnabrück bis Lingen ist 1827 als chaussierte Nebenstraße ausgewiesen. Der Verfasser dieser Studie fuhr am 16. Juli 2002 von Bielefeld nach Lingen auf folgender Route: Bielefeld – Gütersloh – Rheine – Lingen (Ems). Streckenlänge = 142,30 km.

Der Aufenthalt Friedrichs in Lingen währte vom 13. bis 17. Juni.[22] Unterbrochen wurde er durch eine Expedition nach Emden im seit 1744 zum Königreich Preußen gehörenden Fürstentum Ostfriesland, die der König vom 14. bis 16. Juni unternahm.

Am Morgen des 14. Juni brach Friedrich nach Emden auf, wo er noch am gleichen Tag nach 17 Uhr eintraf. Vermutlich nutzte er die sogenannte „Friesische Straße“, die parallel zur Ems verlief, und Westfalen mit Friesland und der Nordsee verband. Im Verlauf dieser historischen Straße liegt die Bundesstraße 70. Die Entfernung von Lingen bis Emden beträgt 124 km. Die über Meppen, Papenburg, Weener und Leer nach Emden führende Straße ist auf einer Karte aus dem Jahr 1827 als gewöhnliche Landstraße ausgewiesen. Bei Meppen wird Friedrich II. die Grafschaft Lingen verlassen haben und musste dann über das Territorium des Bistums Osnabrück, um zwischen Papenburg und Leer auf das Gebiet des ihm gehörenden Fürstentums Ostfriesland zu gelangen. Leer gehörte schon zum Fürstentum.

EMDEN

Auskunft über die Ankunft von Friedrich II. in Emden gibt ein handschriftlicher Bericht, den der Kammerpräsident Lentz für Friedrich Wilhelm von Borcke über den Besuch des Königs in Emden am 16. Juni 1755 ausfertigte:

„Ew. Excellenz berichte ich gehorsamst, daß S. K. M. Sonnabends den 14. dieses Nachmittag um 1 Uhr glücklich auf unsere Grenze ankamen und ich sogleich eine gnädige Audienz hatte. Nach 5 Uhr kamen I. M. in Emden an. Die vielen Schiffe, die im Hafen lagen, mit Wimpeln und Flaggen, und das huzza der Matrosen, die auf den Mastkorben stunden oder in den Schiffsleitern hingen Sr. K. M. recht wohl gefallen; es ist auch stark von den Schiffen gefeuret worden.
Als ich nachkam und I. M. ebenda von der Tafel aufgestanden waren, mußte ich ins Cabinet kommen, und I. M. erkundigten Sich nach den Umständen der Provinz wohl eine Stunde lang. Sie waren mit allem wohl zufrieden. Den 15. Frühe ward ich wieder gerufen, und I. M. erkundigten Sich nach allen Umständen des Polders aufs genaueste, notirten Sich auch vieles davon, bezeugten aber Ihr Mißvergnügen, daß solcher noch nicht verkauft war. I. M. sagten, daß Sie den Polder á 4 Prozent noch zu verkaufen hoffeten.
Auf das Detail der Münze entrirten I. M. gar nicht, sondern sagten nur ganz kurz: “Es ist ein kleiner Ueberschuß dabei (á 1016 Rthlr.), er soll an Köppen geschickt werden. Ueber den Ueberschuß der Kammer á 3335 Rthlr. werde Ich allhier auch nicht disponiren, er mag auch an Köppen gehen.” Drauf befohlen (!) I. M., ich sollte mich parat halten, nach Münster zu gehen, in Postsachen, auch nach dem Statthalter Grafen Metternich, und sollte ich die Vollmacht nächstens erhalten. Es wird unstreitig wegen der anzulegenden Post sein, von Lingen nach Emden. Darauf mußte ich die Directeurs der Asiatischen Compagnie, Tegel und Pottern, (maßen mehrere nicht hier sein), zur Audienz rufen. Ich blieb aber außerhalb dem Cabinet und weiß also nicht, was eigentlich geredet worden. I. M. ließen mir rufen und sagten, daß aus der Emdischen Deich-Kasse 60 000 Rthlr. auf 3 Monat der Asiatischen Compagnie zum Vorschuß gethan werden sollten, wovon ich besonderen Bericht an S. K. M. ins General-Directorium abstatten werde. Mehrere kamen nicht zur Audienz, so viel ihrer auch aufpasseten, sondern I. M. sahen die Wachtparade und fuhren nach der Knocke, 1 ½ Meile von Emden, um daselbst ins Schiff zu steigen und in See zu gehen. Es stund dazu bereit: 1. ein großes neues Schiff, 2. die Stadtjacht, 3. die königliche Schnicke, 4. eine kleine Jacht, 5. eine Chaloupe mit 8 Rudern, so die Compagnie expresse dazu hatte bauen lassen; alles war mit Kanonen besetzet. Die Lustreise aber war kurz, weil sich der Wind legte und I. M. die beste Ebbezeit hatten verstreichen lassen. Doch waren I. M. sehr content. Nach der Fahrt besahen I. M. den Schiffszimmerwarf und wie ein neues großes Schiff vom Stapel ins Wasser lief. Sie sagten, daß, ob Sie gleich niemalen getaufet, so wollten Sie doch dem Schiff einen Namen geben: Prinz Ferdinand. Darauf besahen I. M. das Rathhaus und die daselbst aufgehängte 2 tapeten aus Gödens und Berum; I. M. aber sagten, das wäre Schmierwerk und des Aufhängens nicht werth. Herrn Grafen von Gotters Excellenz, die den 13. allhier angekommen und morgen über Leer nach Cleve gehen wollen, auch der Herr Graf von Lynar, der incognito allhier ist, hatten die Tapeten vorhero besehen und sie vortrefflich befunden. Worauf I. M. Sich retirirten, verschiedene Memoralia ansahen und das nöthige mir dabei anbefohlen. Heute Morgen ward wieder vom Polderverkauf gesprochen, und I. M. sagten zuletzt: “Adieu, Lentz; wir wollen bald sehen, wer den Polder am besten verkaufen kann.”
Ist also eigentlich bei Sr. K. M. hoher Anwesenheit nichts besonders vorgefallen, und vorstehende Kleinigkeiten habe ich nur berichtet, um meine Attention gehorsamst anzuzeigen.”[23]

In den Vormittagsstunden des 16. Juni 1755 verließ Friedrich II. Emden, traf noch am gleichen Tag in Lingen ein, und brach von dort am 17. Juni nach Wesel auf. Er könnte entlang des Flusses Ems, auf der sogenannten „Friesischen Straße“ (der heutigen Bundesstraße 70) zunächst bis Rheine (Streckenlänge: 34 km) gefahren sein und von dort seinen Weg weiter, dem Verlauf der heutigen B 70 entsprechend, über Stadtlohn – Borken – Raesfeld –Brünen nach Wesel genommen haben.

17. bis 19. Juni 1755

WESEL

Vom 17. bis 19. Juni 1755 hielt sich Friedrich II. in Wesel auf.
Albert Freiherr von Werthern – 1895 bis 1901, Kommandant der Festung Wesel im Range eines Generalmajors, schreibt über den Aufenthalt Friedrichs II., aus dem Memorialbuch der Stadt Wesel (?) zitierend:

„Den 17. Juni 1755 des Donnerstag ungefähr um 2 Uhr Nachmittag ist Se. Majestät in Preußen, unser allergnädigster Landesvater, allhie in einer erwünschten Gesundheit mit Sr. Durchl. dem Prinzen v. Braunschweig gearriviret.
Den 18. Juni über das Regiment des Generals und Gouverneurs hiesiger Stadt v. Dossow die Revue gehalten, wie auch über das Regiment des Gen. v. Jonckheim. Den 19. ebenfalls über den Gen. v. Wied sein Regiment und des Nachmittags gegen 5 von hier nach Moyland und weiter incognito nach Holland gereiset.
Den 24. Juni Nachmittags um 2 Uhr hier in Wesel retournieret und gegen 5 Uhr über den Hamm nach Berlin verreiset.
Die Bürger-Compagnieen haben wiederum dieses mal keine Wacht gehalten, wiewohl dieselben in einem completen Stande dazu sich fertig gehalten haben.“[24]

 Nicht nur der Inspektion seiner Truppen und der Festungsbauwerke der Stadt diente sein Besuch.[25] Friedrich wollte sich dort auch mit dem französischen Enzyklopädisten Jean le Rond d`Alembert (1717-1783) treffen.[26]
D`Alembert galt schon zu Lebzeiten als genialer und vielseitiger Gelehrter. Er war Schriftsteller, Mathematiker und Philosoph und hatte zudem das Talent starker Ausdruckskraft, welches er mit ausgewogenem und sicherem Urteil verband. 1746 zeichnete ihn die Akademie in Berlin für seine „Allgemeine Theorie über die Winde” aus. Drei von ihm in Verbindung mit der Veröffentlichung seines Lehrbuches über die Winde verfaßte und Friedrich II. gewidmete Verse schmeichelten dem König sehr und bewogen diesen, dem Wissenschaftler den Vorsitz der Berliner Akademie anzutragen. D`Alembert lehnte das großzügige Angebot aber mit höflichen Worten ab. Friedrich II. ließ den Kontakt zu d`Alembert aber nicht abreißen und konsultierte ihn fortan in allen Fragen.

1754 schrieb Friedrich seinem Gesandten in Paris:

„Sie sollen wissen, daß es in Paris einen Mann mit größten Verdiensten gibt, der sich nicht in dem Umfange der Vorteile des Glücks erfreuen kann, als das seinen Talenten und seinem Charakter angemessen ist. Deshalb bitte ich Sie, Monsieur d`Alembert 1200 Livres auszusetzen: Das ist nur wenig für seine Verdienste, aber es wäre mir angenehm, wenn er die Pension annehmen würde, da es mich freuen würde, mir einen Mann verpflichtet zu haben, der guten Charakter mit den erhabensten Talenten des Geistes in sich vereinigt. Sie würden mir eine Freude machen, wenn Sie, mein lieber Milord (Maréchal) meine Auffassung teilen würde, Genugtuung darüber zu empfinden, eines der ausgezeichnetsten Genies Frankreichs zu besseren Lebensverhältnissen verholfen zu haben. Es würde mir wohltun, M. d`Alembert hier zu sehen: er hat mir versprochen, mir diesen Gefallen gleich nach Fertigstellung seiner Enzyklopädie zu tun.”[27]

Gemeinsam mit Denis Diderot (1713-1784) gab d´ Alembert ab 1751 die “Enzyklopädie oder Vernünftiges Wörterbuch der Wissenschaften, Künste und Handwerke, von einer Gesellschaft von Literaten, geordnet und veröffentlicht durch die Herren Diderot und d` Alembert”, das bedeutendste kollektive Werk der französischen Aufklärung, heraus. Die dafür von ihm verfasste Vorrede enthält eine glänzende wissenschaftsgeschichtliche Untersuchung und war von programmatischer Bedeutung. Friedrich II. muss – geht man nach dem Inhalt seines Briefes von 1754 – nicht gewusst haben, welche Fortschritte die Enzyklopädie bereits schon gemacht hatte. Vielleicht war dies nach der Überreichung des großzügigen Geldgeschenkes von Friedrich II. auch d` Alembert bewusst geworden, weshalb er sich zu einem persönlichen Zusammentreffen mit dem König entschloss.

Über die Begegnung Friedrichs mit d`Alembert schreibt Franz Kugler.

„Im Jahre 1755, als Friedrich eine Reise in die westlichen Provinzen seines Staates machte, fand eine persönliche Zusammenkunft in Wesel statt, und dringender wiederholte Friedrich seine Anträge; aber d`Alembert wußte denselben auch jetzt ebenso fein wie bestimmt auszuweichen. Doch hatte er, der von dem Geistesdruck in seiner Heimat viel leiden mußte, ein jährliches Gehalt von Friedrich dankbar angenommen. Der Briefwechsel, den Friedrich fortan mit d` Alembert führte, ist von großer Bedeutung.” [28]

 

Nach Thomas Carlyle soll Friedrich II. d`Alembert, „den er ´un tres-aimable garcon` und seinem Zwecke entsprechend findend” zu einer Zusammenkunft nach Wesel eingeladen haben.[29]

Nach Droysen hielt sich der Franzose am 17. Juni 1755 in Wesel auf.[30] Genau an dem Tag, wo auch Friedrich II. dort eintraf. Da Friedrich, von Lingen kommend, eine längere Reise hinter sich hatte, wird er nach seiner Ankunft wohl kaum zu philosophischen Gesprächen in der Lage gewesen sein. Es ist auch nicht anzunehmen, dass d`Alembert die weite Reise an den Rhein unternahm, um sich dann dort nur einen Tag aufzuhalten.

Vielmehr wird er auf dem unweit von Wesel gelegenen Lustschloss Moyland untergebracht worden sein, wo Friedrich II. dann mit ihm zusammenkam. Das hatte eine gute Tradition. Erinnert sei hier an sein erstes Zusammentreffen mit Voltaire auf eben diesem Schloss im September 1740. Am Abend des 19. Juni war Friedrich II., nach Droysen, in Moyland.

Pfeiffer behauptet zudem noch, in seiner Arbeit über die „Revuereisen“ Friedrichs II.:

„1755 unternahm er von Wesel einen Abstecher nach dem holländischen Orte Loo, wo er den Generalstatthalter begrüßte.“

 Gemeint ist hier offensichtlich der drei Jahre jüngere Bruder der Gattin Friedrich II., Ludwig Ernst von Braunschweig-Bevern, der seit 1751 Generalkapitän der Niederlande war und bis 1766 Statthalter und Regent der Niederlande

 

Friedrichs II. Aufenthalt in den Niederlanden

Vom 20. bis zum 23. Juni 1755 hielt sich Friedrich I. in den Niederlanden auf. Es handelte sich um ein Wochenende, das er für seine Inkognito-Reise nutzte.

20. Juni 1755

MOYLAND

Moyland, ein schönes Lust-Schloß und Amt im Herzogthum Cleve, unweit Calcar, dem Könige in Preussen gehörig.”
(Zedler, Johann Heinrich, Grosses vollständiges Universal-Lexicon, 21. Band, Leipzig-Halle 1739, Spalte 2017)

Die Reise Friedrichs II., vom 20. bis 23. Juni 1755, ab Moyland über Nijmegen und Utrecht nach Amsterdam sowie zurück über Amsterdam und Arnhem nach Wesel lässt sich wie folgt rekonstruieren.

Friedrich II. hatte in Wesel die Regimenter Jungkenn (Nr. 44), Dossow (Nr. 45) und Neuwied (Nr. 41) besichtigt. Daneben traf er sich mit d` Alembert – vermutlich in Wesel. möglicherweise aber auch auf Schloß Moyland. In Moyland lagen für Friedrich und seine Begleiter – Johann Friedrich Balbi, Oberst im Ingenieurkorps, und den Kammerhusaren (bzw. Kammerdiener) Glasow[31] – fremde Kleider bereit. Friedrich Backschat bemerkte dazu im Jahr 1934, gestützt auf die Erinnerungen von Joachim Ludwig Heydert:

„Der König hatte einen kaffeebraunen Rock mit goldgestickten Knopflöchern (Paletten), schwarze Hosen und schwarzseidene Strümpfe gewählt. Er trug eine schwarze Perücke mit einer Kokarde auf dem Zopf (´auf Schwantze von locken`), schwarzen Hut, Stock mit einer goldenen Krücke und Degen zur Seite. Balbi, weißgekleidet, hatte schwarze Hosen und hohe Stiefel an, trug eine große, dicke braungelockte Perücke sowie Stock und Degen. Glasow in graublauer Livree mit hellblauem Unterfutter trug als Bedienter weder Stock noch Degen, wohl aber extrafeine Wäsche mit schönen, ausgenähten Manschetten. Alle hatten sich die Augenbrauen gefärbt.”[32]

Die Reise sollte geheim bleiben. Deshalb war das Gerücht verbreitet worden, „der König habe Kolik und medizinire”. Ein herbei gerufener Arzt bekam zwar das Schloß zu Gesicht, aber nicht den König. Eine bereits vorher bestellte Postkutsche kam am Abend des 19. Juni nach Moyland, von wo um 24 Uhr die Abfahrt erfolgte. Doch völlig verheimlichen ließ sich das Aufbrechen des Königs nicht.

„…Holländer, die sich in Moyland befanden, schickten Stafetten in ihre Heimat. Einige von ihnen fing man an der Grenze ab. Andere, denen die Reiseroute bekannt war, fuhren dem König mit Extrapost nach. Hiervon erfuhr der König und änderte von Amsterdam aus, das er auf dem Wege über Nimwegen und Utrecht erreicht hatte, seine Reiseroute, indem er unter Verzicht auf den Besuch Haarlems, Leydens und des Haag, von Amsterdam mit Wagen nach Tulpenburg und von da mit der Barke nach Utrecht fuhr.”[33]

Friedrich II. wird mit der Postkutsche von Moyland über Nijmegen und Utrecht bis nach Amsterdam gereist sein. Ohne Pause war das bestimmt nicht zu machen. Dabei wird sich auch eine Begebenheit zugetragen haben, die er später seinem Vorleser erzählte:

„Besonders ergötzlich schilderte er den Besuch der Besitzung van Muylens, wo ihn zwei dicke Bediente empfangen und die Schuhe gesäubert hatten.”[34]

Thomas Carlyle hielt zum Aufenthalt des Königs in Amsterdam fest:

„In Amsterdam besichtigte er die Bramkampsche Bildergalerie, das berühmte Landhaus des Juden Pinto in Tulpenburg. ´Ich sah nichts als Kindereien` (colifichets), sagt er; ´ich gab mich für einen Musikanten des Königs von Polen aus, trug außerdem eine schwarze Perücke und wurde nirgends erkannt` – und bestieg zum Beschluß das gewöhnliche Passierboot (ohne Zweifel die Treckschuite) nach Utrecht, um auch die übrigen schönen Landhäuser längs der Vechte zu sehen. Ganz schöne Landhäuser – keineswegs sind Schlamm und Schilf die Hauptgegenstände, wie müßige Leser meinen. Nach Arnheim, auf diese Weise die Vechte hinauf, und so wieder ganz in der Nähe von Wesel und seinem eigenen Gebiete.”[35]

Am späten Nachmittag bzw. Abend des 20. Juni 1755 wird Friedrich in Amsterdam eingetroffen sein, wo er mit seinen Begleitern im großen Gasthaus „Der Stern” abstieg. Bei Lehndorff wird dieses auch als „Stern des Orients” bezeichnet. Eigentümer des Gasthauses, in dem die Reisegesellschaft zwei Nächte (?) blieb, war ein Herr Concet, so Carlyle.

„Mit seinem Quartierwirt Concet war der König sehr zufrieden. Die Speisen und Weine waren gut, besonders der Burgunder und Champagner. Auch die kalte Pastete war delikat zubereitet. Glasow sollte daher für die Rückreise eine kalte Pastete und mehrere Bouteillen Wein mitnehmen. Infolgedessen war die Rechnung, wie sich denken läßt, ziemlich hoch, und der Wirt glaubte (bei Friedrichs Abreise, d. Verf.) sich deswegen rechtfertigen zu müssen. Er bemerkte daher bei der Übergabe der Rechnung, der Bediente habe gut gelebt, nehme auch eine Pastete und einige Flaschen Burgunder und Champagner auf die Reise mit. Friedrich erwidert: ´Es geht nicht anders mit meinen Leuten. Wenn man auf Reisen ist, muß man ihnen durch die Finger sehen.`”[36]

Mit Bezug auf Rödenbecks „Tagebuch aus Friedrichs des Großen Regentenleben“ gibt Albert Freiherr von Werthern diese Anekdote wie folgt wieder:

„Der König beauftragte den Oberst Balbi, bei der Wirthin eine Pastete zu bestellen. Diese fragt misstrauisch:´Kunt gij ook betalen?` Balbi versichert, der Fremde sei ein Virtuose auf der Flöte und könne sich in kurzer Zeit eine Menge Geld verdienen. ´Wel, mijnheer, dan moek ik hem toch ook hooren.` Sie geht in des Königs Zimmer und sagt, beide Arme in die Seite gestemmt: ´Wanneer gij zoo mooi fluiten kunt, wilt gij mij dan ook eens wat voor fluiten?` Nachdem Balbi dem König auf französisch den Zusammenhang erklärt, ergriff dieser die Flöte und blies einige Stücke so schön, daß die Wirthin entzückt war. Endlich sagt sie: ´Wel, mijnheer, dat is waar, gij kunt mooi fluiten en wel een stuiver er mede verdienen. Nu zal ik u ook eene pastij bakken!`“[37]

Kugler nahm in seine „Geschichte Friedrichs des Grossen” die Variante der Pasteten-Geschichte auf, wie sie Rödenbeck wiedergegeben hatte. Er schreibt:

„Es werden manche komischen Szenen erzählt, zu denen dies Inkognito Anlaß gibt. So im Gasthofe zu Amsterdam, wo er (Friedrich II., d. Verf.) sich eine besondre kostbare Pastete, deren Geschmack ihm höchlichst gerühmt worden war, bestellen ließ. Die Wirtin, die von dem unscheinbaren Äußeren ihrer Gäste auf ihren Geldbeutel schloß, fragte, ob man denn auch imstande sein werde, das teure Gericht zu bezahlen. Sie erhielt zur Antwort, der Herr sei ein Virtuos, der mit seinem Flötenspiel in einer Stunde wohl mehr verdienen könnte, als zehn Pasteten wert seien. Dies erweckte ihre Neugierde; sie eilte zu Friedrich, und ruhte nicht eher, als bis er sich vor ihr auf seinem Instrumente hören ließ. Ganz fortgerissen von der Schönheit seines Vortrages, rief sie endlich aus: ´Gut, mein Herr, Sie können gar schön pfeifen und wohl einige Batzen verdienen: Ich werd` Ihnen die Pastete machen!`”[38]

  1. Juni 1755

Besuch von Gemäldegalerien in Amsterdam

Den 21. Juni wollte Friedrich offensichtlich zunächst zum Besuch von Gemäldegalerien nutzen, um dort möglicherweise auch Gemälde für seine Bildergalerie in Sanssouci zu erwerben.

Bei dem Besitzer einer Galerie, „einem reichen Sonderling”, dem er sich melden ließ, antwortete der König auf dessen Frage, wer er sei, “er sei der erste Musikus des Königs von Polen”. Worauf dieser ihm erwiderte, “er habe am Morgen keine Zeit zu verlieren, er solle am Nachmittag wiederkommen”. Friedrich verzichtete jedoch auf den Besuch.

 

Fehl schlug aber auch eine von ihm beabsichtigte “Besichtigung der Gemäldegalerie des kunstsinnigen Braamkamp”. “Als der König nämlich das Grundstück betreten hatte, ließ der Gemäldehändler Gerrit Braamkamp gerade hinter seinem Haus im Garten die Fontänen probieren und springen. Da die Vordertür offen stand und die nach dem Garten führende große Glastür einen Durchblick in den Garten gestattete, sammelten sich vor dem Hause Zuschauer an, um die Fontänen zu sehen. Der König glaubte, daß die Leute seinetwegen zusammengelaufen seien, und verließ das Haus, ohne Braamkamp gesprochen zu haben.

Die Braamkampsche Sammlung wurde, so die Information von Matthias Oesterreich aus dem Jahre 1773, am 31. Juli 1771 öffentlich verkauft. Friedrich II. erwarb daraus drei Gemälde: von Gerhard Lairesse “Ein Opfer an Flore” [39], sowie von Rothenhammer “Die freien Künste”[40] und “Mars und Venus”[41]. Alle drei Gemälde hatten 1773 ihren Platz in den Zimmern des Prinzen Heinrich von Preußen im Neuen Palais.

Von Braamkamp aus soll er er zu einem Herrn d` Orvile gegangen sein, wo er einige (?) Gemälde kaufte. Er gab sich dabei als Anfänger im Kunsthandel aus und ließ durchblicken, er müsse billig kaufen, um beim Weiterverkauf auch etwas zu verdienen.”[42] Dennoch sollen Friedrich und seine Begleiter bei Herrn d`Orvile 50 bis 60, auch 100 Dukaten selbst für kleine Gemälde ausgegeben haben.

Besichtigung von Amsterdamer Sehenswürdigkeiten

Den Nachmittag des 21. Juni nutzte Friedrich zur Besichtigung Amsterdams. Die Werft, d.h. die Werft der 1602 gegründeten Vereinigten Ostindischen Compagnie (VOC) erbaute Haus, das Rathaus und das Raspelhaus (das Spinnhaus) suchte er, vermutlich von einem Lohnlakaien geführt, auf.

„Auf der Börse erkannte der König den Juden Hirsch aus Berlin und den Unteroffizier Cuno, der in seinem Potsdamer Regiment Garde auf Werbung gestanden hatte, aber wegen eines Streites mit seinem Offizier desertiert war und in Amsterdam eine reiche Witwe geheiratet hatte. Beide erkannten den König nicht, wohl aber ein französischer Prediger.”[43]

Auch im Raspelhaus soll Friedrich II., so Backschat, bereits von einem Deserteur erkannt worden sein.

Doch auch selbst gefährdete er fahrlässig sein Inkognito. Bei einem Spaziergang entlang des Flusses Cy (?) begegnete Friedrich einer Frau, die „erste schöne“ Kirschen feilbot. In königlicher Manier griff er in den Korb, nahm eine Handvoll Kirschen heraus – und ging weiter.

“Die Frau begann zu lärmen. Nur mit Mühe gelang es Balbi, sie zu besänftigen, und, indem er sofort zahlte, sagte er, sie dürfe es dem Herrn nicht zurechen, denn er sei ´zuweilen nicht so recht richtig` .[44]

Eine weitere Anekdote steuert Freiherr von Werthern zu, indem er sich wiederum auf Rödenbeck „Tagebuch aus Friedrichs des Großen Regentenleben“ bezieht:

„Der König wollte in Ansterdam einen Banquier sprechen, der über seine Anwesenheit unterrichtet war, traf ihn aber nicht zu Hause an. Die Frau fordert ihn auf, in die gute Stube, in die gute Stube einzutreten, aber vorher die Schuhe auszuziehen. Der König thut es.“

Die Erlebnisse des ersten Aufenthaltstages werden, den sehr vorsichtigen und sich vielleicht seines mißglückten ersten Ausflugs nach Straßburg erinnernden, Friedrich II. bewogen haben, seine Reisepläne zu überdenken. Es ist zwar nicht bekannt, wie lange er ursprünglich vor hatte, in den Niederlanden zu bleiben. Nunmehr wollte er aber das Ganze nur noch auf einen weiteren Tag beschränken. Und diesen wollte er zu einem Besuch des Lustschlosses Tulpenburg im Umland von Amsterdam nutzen. “Um Zeit zur Besichtigung Tulpenburgs zu gewinnen, beschloß er, mit einem Wagen dorthin zu fahren. Die später abfahrende Barke sollte ihn in Tulpenburg an Bord nehmen und nach Utrecht bringen. Er hatte daher auf der von Amsterdam abgehenden Schuite die ´hintere Kammer`, Roef genannt, gemietet, seine Sachen in ihr untergebracht und dem Schutze eines alten Lohnlakaien anvertraut. Der Wirt erhielt den Auftrag, zu Sonntag früh einen geschlossenen Wagen zu besorgen.”[45]

22. Juni

Besuch des Lustschlosses Tulpenburg bei Oudekerk

Am Morgen des 22. Juni stand das Fahrzeug vor der Tür – doch war es  kein geschlossener, sondern ein offener (Phaeton-) Wagen.

“Der König war sehr ungehalten: ´Warum habe ich keinen zugemachten Wagen ?`herrschte er den Wirt an. ´Ich habe einen zugemachten Wagen bestellt!` Doch dieser ihm die nötige Aufklärung: ´Es ist keiner für Geld zu haben. Sie sind alle vergriffen, denn es blüht jetzt der Buchweizen auf den Feldern. Und um diesen prächtigen Anblick zu haben, fahren die Amsterdamer schon am Sonnabend spät fort, damit sie am Sonntag in aller Frühe am Ziel sind. Zu diesen Nachtfahrten benutzen sie die geschlossenen Wagen. Sie können sich umsehen und die schönen Gärten besehen. Und – so beteuerte er – wenn Sie auch der König wären, könnten Sie nicht besser fahren!`” Friedrich mußte sich zufrieden geben, ließ die Hotelrechnung begleichen und fuhr mit Balbi und Glasow nach Tulpenburg. Als Wegführer nahmen sie einen jungen Lohnlakaien mit, den Sohn jenes alten Lohnlakaien,der auf der Schuite die Sachen des Königs bewachte. Um 12.30 Uhr traf die Reisegesellschaft in Tulpenburg ein. Als Friedrich ausgestiegen war, lief der Fuhrmann hinter ihm her und rief: “Ich habe Sie sehr ´landt` hergebracht und Sie haben mir ein Trinkgeld versprochen!” “Ja, Ihr sollt es haben!”, erwiderte darauf der König.[46]

1716/17 hatte die Anfang des 17. Jahrhunderts aus Portugal nach Amsterdam eingewanderte jüdische Familie de Pinto den Landsitz Tulpenburg von der alten, sehr berühmten Familie Tulp gekauft, die damals schon im Aussterben begriffen war. Den Garten hatte der Amsterdamer Bürgermeister Tulp angelegt, der eine geborene Burg zur Frau hatte. Ihrer beider Namen Tulp en Burg in eisenvergoldeten Buchstaben zierten den eisernen, von zwei großen Steinpfeilern flankierten Eingangstorweg zur Besitzung, die man davon abgeleitet Tulpenburg nannte. Die Familie Pinto nutzte Tulpenburg nur als Sommersitz. Ansonsten wohnte sie in in Amsterdam.

Ihr gehörte das, noch heute an die Familie de Pinto erinnernde, Haus de Pinto in der Sint Antoniesbreestraat 69 in Amsterdam. Das 1605/06 von Jan Jansz Carel (der Ältere) für den ersten “bewindhebbers” der 1602 gegründeten Vereinigten Ostindischen Compagnie (VOC) erbaute Gebäude, kaufte Isaac de Pinto (der Ältere) im Jahr 1651 zu einem Preis von Fl. 30.000. Um 1680 wurde das Haus mit Sandstein verkleidet (“vorrgevel”). Auf einer Gravur von Romejin de Hooghe aus dem Jahr 1690 wird das Gebäude als “hof van de E:heer De Pinto” bezeichnet. Daraus entstand die Bezeichnung “Haus de Pinto”. Bis in das 19. Jahrhundert blieb das Haus im Eigentum der Familie de Pinto. Im 18. und 19. Jahrhundert erfolgten an dem Gebäude verschiedene bauliche Veränderungen. Im 19. Jahrhundert verlor das Haus seine Bestimmung als Wohnhaus. 1968 wurde es von der Stadt Amsterdam angekauft. 1974 erfolgte eine gründliche Restaurierung.

Die Familie de Pinto, ein reiches portugiesisch-jüdisches Geschlecht von Kaufleuten und Bankiers, waren die Rothschilds des Amsterdam des 17. Jahrhundert. Stammvater dieses Geschlecht war Abraham de Pinto alias Don Gyl Lopes Pinto (geb. 1588 in Lissabon, gest. 13. April 1668 in Amsterdam). Sein Vater war Don Manuel Alvares Pinto y Ribera – Herr von Chilveches, Abulleque y de la Celada, Edelmann vom Haus des Königs von Spanien und Ritter  von St. Yago – und seine Mutter Dona Voliante Nunes Henriques. 1607 wanderte (?) er mit seinen Eltern nach Antwerpen aus. Mit seinem Bruder David betrieb er dort ein großes Handelshaus. Am 3. November 1646 übersiedelten die Brüder nach Rotterdam, wo sie nicht nur ihren Reichtum mehrten, sondern auch einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der dortigen jüdischen Gemeinde leisteten. Unter anderem schuf Abraham de Pinto ein Rabbiner-Seminar, die “Jesiba de los Pintos”. Am 25. April 1662 verfügte das Seminar über eine Bibliothek im Wert von 28.000 Gulden. 1665 gehörte Abraham de Pinto zu den reichsten Einwohnern Rotterdams. Nach dem Tod von Abraham de Pinto wurde das Rabbiner-Seminar im Jahr 1669 nach Amsterdam verlegt.
Ein Nachkomme von Isaac de Pinto (dem Älteren) war vermutlich David de Pinto. Er heiratete Lea Ximenes Belmonte und hatte mit ihr drei Kinder – Aron de Pinto (geb. 1716), Isaac de Pinto (geb. 1717) und Jacob de Pinto (geb. 1718). Über die Kindheit und Jugendzeit der drei Jungen ist wenig bekannt. Vermutlich wurden sie durch einen Hauslehrer unterrichtet und auf ein ihrem Stand entsprechendes Leben vorbereitet. Eine spezielle jüdische Ausbildung war bei den Sephardim zu dieser Zeit nicht üblich. Als ältester Sohn war Aron vorgesehen, das Handels- und Bankhaus De Pinto zu leiten. Issac und Jacob mußten sich anderweitig als Kaufleute niederlassen. Isaac de Pinto fühlte sich jedoch mehr von Sprachen, Philosophie und später der Politik angezogen. Er schrieb in Portugiesisch, vor allem aber in Franzöisch. Er beherrschte das Hebräische, Latein, Spanisch, Englisch und Niederländisch. Seit seiner Jugendzeit war mit seinen Brüdern in die Leitung der Jüdischen Gemeinde von Amsterdam eingebunden. Bis 1760 bekleideten sie im Wechsel verschiedenste Vorstandsfunktionen. Im Dezember 1734 heiratete Isaac de Pinto Rachel Nunes Henriques – die Tochter eines steinreichen VOC-Teilhabers und Finanzmannes. Ab 1739 war er als Sekretär einer Gelehrtengesellschaft tätig. Mit einigen ausländischen Schriftstellern, die die Gesellschaft aufgesucht hatten, führte er einen Briefwechsel. Darüber hinaus verfaßte er philosophische Texte. 1746 und 1747 stand er im Briefwechsel mit Charles Marie de la Condamine (1701-1774), einem Astronomen und viel Reisenden. In dieser Zeit wandte sich Isaac de Pinto mehr der Politik zu. Eine sehr enge Beziehung entwickelte sich zwischen den de Pintos und Willem IV., dem neuen Statthalter der Niederlande. Mit seiner Hilfe wollten sie den Zustand verändern, dass Juden aufgrund ihrer Herkunft keine höheren Ämter bekleiden durften. Besonders wichtig war dies für sie hinsichtlich der Geschäfte der VOC und der WIC. Mit großer Hartnäckigkeit arbeiteten sie 1748/49 für die Ernennung von Willem IV. zum Oberverwaltungschef der VOC und der WIC. In seinen 1748 veröffentlichten “Reflexoens Politica, tocante a constituicao de nacao judaica” machte de Pinto deutlich, dass die wirtschaftlichen Ausschluss-Dekrete die Ursache für die zunehmende Verelendung und Kriminalität unter seinen Glaubensgenossen sei. 1751 verlor Isaac de Pinto sowohl seinen Vater als auch seinen Fürsten. Mit dem Tod Willems IV. Schwanden seine Möglichkeiten, die Politik zu beeinflussen. Der Tod von David de Pinto, seinem Vater, hatte eine komplizierte Gütertrennung zur Folge und eine geringe Erbschaft. Aron de Pinto erbte das Haus der Familie in der Amsterdamer Breestraat. Jacob und Isaac de Pinto mußten sich in das Landgut Tulpenburg, wenige Meilen vor den Toren Amsterdams bei Oudekerk ten Amstel gelegen, hineinteilen.
Mit Schloß Tulpenburg ist vor allem der Name von Isaac de Pinto verbunden, Sohn von David de Pinto und von Leah Ximenez Belmonte.
Er wurde im April 1717 in Amsterdam geboren, wo er auch am 13. August 1787 verstarb. Zu einem reichen jüdischen Geschlecht gehörend erhielt Isaac eine sorgfältige Ausbildung. Er studierte bei den bedeutendsten Gelehrten der Niederlande, in Frankreich und in England. 1748 besuchte Prinz Willem IV. – der 1747 Erbstatthalter der Niederlande geworden war – Amsterdam und die dortige jüdische Synagoge, “waarvan de Pinto bestuurslid was”. Er begrüßte den Prinzen im Namen der Gemeinde. Der Prinz kannte de Pinto “reeds bij naam en na de kennismaking noodigde Z. H. de Pinto uit om in den Haag over`s Landangelegenheiten in der Ostindischen Compagnie zu beratschlagen. Sein biutenplaats “Tulpenburg” an der Amstel wurde menigmaal door Willem IV.  und den staatslieden seiner Zeit besucht. Er schrieb velerlei verhandelingen, verslagen, brieven enz. und auch eine portugiesische Genealogie seines Geschlechts (handschriftlich, 72 Seiten). Er vernam, dass man auf alle goederen der ingezetenen den 50 sten penning zu legen, um die orrlogskosten zonder leening te dekken. De schuldbrieven van den 100sten penning, twee jaren tevoren opgelegd, waren hiervon freigestellt; niet echter de actien der Ostindischen Compagnie. Dagegen stellte de Pinto en vertoog op en bezocht tevergeefs mit zijn geloofsgenooten Manuel Suasso, da Costa en la Pemba, den Raadpensionaris en darna den Prinzen zelve. Dieser versucht ihm seine denkbeelden op schrift zu stellen, wodurch de Pintos “Memoire sur le credit et sur les fonds public” entstand. Der Prinz war er zeer mede ingenomen; er ontbood de Pinto an den Hof, waar er in tegenwoordigheid der Herren Fagel, Gilles enz. Het ontwerp toelichtte en verdedigde gedurende twee uren, waarna hij zijn doel bereikte; “later woonde ik meermalen deze hooge raadsvergadering bij, worin der vorst mich auch über andere Angelegenheiten (FORTSETZEN!!!)

 

LUSTSCHLOSS TULPENBURG

Zunächst vergrößerten die Pintos den Garten von Schloß Tulpenburg um das dreifache, auf 12 Morgen, und kauften ferner noch 36 Morgen als Weideland hinzu. Dann gingen sie daran, den Garten zu verschönern. Antike Statuen aus Italien, Werke von Meistern aus Brabant und den Niederlanden, darunter Winkenbohm, fanden Aufstellung in den schönen Kabinetten und Treillagen, die der berühmte Architekt Marot (oder Marat?) erbaut hatte. Die ersten Grottierarbeiten stammten von dem Bildhauer Steer v. d. Maas, dem bedeutendsten Fachmann auf diesem Gebiet. Die Hauptsehenswürdigkeit war ein künstlich errichteter, 40 Fuß hoher Berg, dessen Vorderseite in Terrassen anstieg. Auf der obersten Terrasse sah man Diana mit drei Nymphen und vier Hunden die Höhe des Berges erklimmen, auf der ein Hirsch, der verwandelte Aktäon, stand. Alle Figuren waren überlebensgroß. Die Nymphen, mit Bogen und Pfeilen bewaffnet, schossen nach dem Hirsch. “Dem Hirsch sprang Wasser aus dem Maule, die Hunde spien den Hirsch an”, und aus den Wasserstrahlen bildeten sich Wasserfließe, die von Marmorbecken zu Marmorbecken – von denen man auf der obersten Terrasse allein 13 Stück zählte – sprangen, dann unterirdisch verliefen und eine zweite Kaskade formierten, die ihrerseits wieder die dritte und unterste speiste. “War der Wind still, so sah das spielende Wasser, welches von einem Becken in das andere fiel, wie Spiegel aus und das rauschende Wasser war angenehm, es anzuhören. So war das Auge als auch das Gehör sehr angenehm ergötzt.” Alles schillerte in den buntesten Farben. Der Berg war aus Kristall de roche, Drusen und großen Stücken von Korallengewächse gebildet, die Figuren waren aus Muscheln, Schnecken, weißen und roten Korallen, weißem und grünem Perlmutter, Lebensblumen, orientalischen Türkis und anderen Steinen künstlich zusammengesetzt. Die Aufzählung aller Sehenswürdigkeiten würde hier zu weit führen. Erwähnt sei nur noch, daß in einem der beiden Flügel des Wohnhauses ein Druckwerk angelegt war, das von Pferden getrieben, in 12 Stunden 900 Tonnen Wasser (je Tonne zu 5 Kubikfuß) in ein auf dem Gebäude liegendes, mit starkem Blei ausgefüttertes Reservoir “heraufmahlen” konnte, das ein Fassungsvermögen von 500 Kubikfuß hatte. Von dem Reservoir wurden sämtliche Kaskaden und Fontänen im Garten gespeist.[47]

Als der König das Tor zum Garten des Lustschlosses durchschritten hatte, ging der für die Anlagen zuständige Gärtner gerade, da es an diesem Tage sehr heiß war, in einem Kamisol (kurzes, ausgeschnittenes Hemd mit schmalen Trägern) aus weißem Kanevas (Canvas (Kanevas) Beschreibung: Ursprünglich ein Hanfgewebe. Der Name ist abgeleitet von cannabis (lat. Hanf). Heute ist es die Bezeichnung für ein weitmaschig gewebtes, gitterartiges, meist stark appretiertes Baumwollgewebe, bei dem mindestens nach 2 Fäden ein größerer Abstand folgt. Verwendung als Grundstoff (Stickboden) für Handarbeiten. Bezeichnung auch als Gitterleinen.)  vor seiner Haustür unruhig auf und ab. Er erwartete einige Musikanten aus Amsterdam, um mit ihnen zu musizieren. Der junge Lohnlakai trat auf ihn zu und meldete ihm zwei deutsche Herren, die den Garten besichtigen wollte. Die Frau des Gärtners, die schon gewohnheitsmäßig die Aufgabe hatte, den Garten mit seinen Sehenswürdigkeiten zu zeigen, übernahm die Führung. Kaum waren sie an der ersten Grottierung angekommen, begannen Friedrich II. und Balbi zu fragen, woraufhin sich folgendes Gespräch entspann:

“Wer hat die grottierte Arbeit gemacht?”
“Mein Mann.”
“Wo hat er das gelernt?”
“Hier in Holland, aber meist von sich selber.”
“Wo ist Ihr Mann her, aus was vor Land?”
“Aus Berlin oder Potsdam.”
“Wer ist sein Vater gewesen?”
“Sein Vater ist Gärtner bei dem König von Preußen gewesen.”
“Wie heißt Ihr Mann, ist er schon lange hier und hat er auch gereist?”
“Mein Mann heißt Heydert und ist schon 16 Jahre hier. Er hat in Deutschland, Dänemark und Schweden gereist.”
Darauf der König allein:
“Kann ich ihn sprechen?”
Von seiner Frau herbeigerufen, trat Heydert näher. Der König besah ihn prüfend durch sein Glas. Als Heydert dem König bis auf  15 Schritte näher gekommen war, trat jedoch Balbi vor und begrüßte ihn:
“Euer Diener, Herr Landsmann, wie geht es hier in Holland?”
“Recht gut, mein Herr!”
“Hören Sie doch, können Sie uns nicht sagen, was dieses mit der Grottierung wohl gekostet hat?”
“Nein, denn meine Herren lassen nichts im Verding arbeiten. Wenn es ihnen nicht gefällt, wird es wieder abgerissen und anders gemacht. Auf die Kosten wird nicht gesehen. Meine Herren haben überdies einen großen Vorrat an Schnecken und Muscheln.”
“Wo haben sie den herbekommen?”
“Bei einer Auktion. Die ostindische Kompanie hatte vor einiger Zeit in Ostindien eine große Quantität sammeln lassen, um damit dem Zar Peter ein Geschenk zu machen. Der Zar ist in der Zwischenzeit gestorben (+ 1725). Alsdann hat es die Kompanie per Auktion verkauft. In dieser haben es meine Herren in Bausch und Bogen für 8 bis 10 000 Gulden erstanden. Hiermit haben sie zu grottieren angefangen, vor meiner Zeit.”
“Kann man dergleichen Sachen in Amsterdam zu kaufen bekommen?”
“Ja, auf dem Wasser in Amsterdam wohnen einige Kaufleute, die mit solchen Sachen handeln.”
Während sich Balbi mit Heydert unterhielt, war dessen Frau mit dem König weitergegangen. Der König wandte sich nach Balbi und Heydert um. Diesen Augenblick wollte Heydert benutzen, um mit ihm in ein Gespräch zu kommen, aber auch diesmal wich ihm der König aus. Er trat zurück und Balbi sagte, indem er auf den König zeigte: “Der Herr ist Kapellmeister des Königs von Polen. Wir kommen nicht der Musik wegen, sondern um das Land kennen zu lernen. Sind übrigens die Herren de Pinto auch Musikliebhaber?”
“O ja!”
“Was konzertieren sie?”
“Der älteste Herr bläst die Flöte, der zweite spielt den Flügel und der dritte Violoncell.”
“Wer hat sie gelehrt?”
Heydert nannte die Namen zweier Italiener, die dem König und Balbi wohlbekannt waren. Der König ging weiter, wobei er vor sich hin sang (“in sich selbst singend”) und die marmornen Termes von römischen Kaisern und Kaiserinnen in Augenschein nahm. Während sich der König auf die oberste Terrasse des künstlichen Hügels begab und Balbi die unterste betrat, machte sich der Lohnlakai an Heydert heran und flüsterte ihm zu, er solle nicht glauben, daß es Musiker seien. Sie hätten bei Herrn d`Orvilen 50 bis 60, auch 100 Dukaten selbst für kleine Gemälde ausgegeben. Heydert, dem bekannt war, daß der Großviolinist Lucatelli, ein Italiener, durch Handel mit Gemälden mehr als 100 000 Gulden verdient hatte, schloß daraus, daß dieser Kapellmeister nebenbei auch solch ein italienischer Kunsthändler sei. Inzwischen traf der König, der im Kabinett zwei antike Figuren besichtigt hatte, auf Balbi und unterhielt sich mit ihm französisch. Heydert stand mit dem Lohnlakai zu weit ab, um verstehen zu können, wovon sie sprachen. Balbi blieb darauf, während der König weiterging, bei einem prächtig mit Blumen und Früchten grottierten Blumentopf bewundernd stehen, um mit Heydert, der allmählich herangekommen war, das Gespräch wieder fortzusetzen:
“Haben Sie nicht wiederum Lust nach Deutschland?”
“Nein, ich habe hier reichlich mein Brot. Zumal nicht nach Sachsen, wo 1736 – 1737 in Condition gestanden habe und wegen der schlechten Zeiten großer Geldmangel war. Hier habe ich reichlich mein Brot und eine gute Herrschaft, der ich jederzeit meine Wünsche vortragen kann. Das geht in Deutschland nicht, überhaupt nicht bei Hofe.”
Als sich nun Heydert zum Fortgehen anschickte, um für die Tafel seiner Herrschaft Früchte zu besorgen, forderte ihn Balbi nochmals auf, sich die Sache reiflich zu überlegen. Heydert lehnte das Ansinnen aber bestimmt ab und schickte seinen Obergesellen, der ein gebürtiger Sachse war, unweit Dresdens gelernt hatte und gut deutsch sprach, damit der sich vielleicht entschließen sollte, mit nach Deutschland zu gehen.
Der König hatte längere Zeit bei der im Garten zu Ehren des Besuches des Prinzen von Oranien errichteten Pforte (sie hatte 18 000 holländische Gulden gekostet) geweilt und fragte Frau Heydert:
“Wo bleibt der Gärtner?”
“Er hat nicht Zeit, er muß die Früchte für die Herrschaftstafel besorgen. Hier ist aber der Obergeselle. Der spricht gut deutsch.”
hn fragte der König:
“Kann man Früchte zu kaufen bekommen?”, worauf  Frau Heydert wieder das Wort nahm:
“Eine Viertelstunde von hier liegt ein Dorf, mit Namen Ouderkerck. Da können Sie alles haben. Hier auf dem Garten wird nichts verkauft. Wenn aber eine Frau in anderen Umständen von den getriebenen Früchten eine verlangt, so hat mein Mann Order, solche unentgeltlich abzugeben.”
Inzwischen war man an den Küchengarten und die Treiberei gekommen. Der König ging mit dem Obergesellen, Frau Heydert mit Balbi und Glasow. Frau Heydert machte auf die reifen Pfirsiche aufmerksam, worauf Balbi seinem Herzen Luft machte: “Was Teufel, haben wir von dem Sehen, wenn wir sie nicht zu essen bekommen können!” Der König erzählte dem Obergesellen, er habe in Deutschland schon welche gegessen und setzte hinzu, als dieser etwas verwundert bemerkte, daß in Dresden doch so früh keine Pfirsiche getrieben würden: ”Wir haben dieselben aus dem Appelischen Garten aus Leipzig bekommen.”
War es Balbi nicht gelungen, Heydert für Deutschland zu gewinnen, so versuchte er jetzt sein Heil bei dessen Frau, wobei ihm die holländische Sprache (die er sich angeeignet hatte, als er an der Fortifikation Wesels beteiligt war) zugute kam:
“Was hat Ihr Mann an Traktament?”
“600 Gulden.”
“Das ist nicht viel; wenn man in Deutschland 600 Taler bekommen würde, das wäre doch wohl besser.”
“Wir bleiben doch lieber in Holland.”
“Anjetzt ist es aber in Deutschland sehr vergnügt und plaisierlic. Sie könnten z.B. ohne Entgelt in die Oper und Komödie gehen.”
“Wenn es weiter nichts ist! Unser Herr nimmt meinen Mann gern mit in die Komödie, weil er das ganze Jahr ein Gewisses gibt (d.h. abonniert ist, d. Verf.). Allein mein Mann ist nicht einmal ein großer Liebhaber davon.”
Ihre Unterhaltung wurde durch ein Gespräch des Königs mit dem Obergesellen unterbrochen.
“Wer macht die Grottierarbeit?” (Der König hatte die Frage bereits beim Betreten des Gartens gestellt.)
“Der Gärtner, mein Herr. Auch wird er von der Herrschaft sehr wert gehalten und hat alles über sich.”
“Wie können Sie mit der holländischen Sprache fertig werden? Sie ist doch eine recht fatale Sprache.”
“Gewiß, aber wenn man was lernen will, muß man sich in alles schicken.”
Auf seinen Wunsch zeigte ihm nun der Obergeselle die Melonerie und die Ananastreiberei. Er war damit zufrieden, doch bemängelte:
“Die Orangerie ist für die Größe und Schönheit des Gartens zu wenig und die Bäume sind nicht extra groß.”
Darauf entgegnete der Obergeselle:
“In ganz Holland werden Sie keine so große Orangerie wie in Dresden finden. Die Holländer haben die Orangerie nur wegen des Geruchs in der Blütezeit, denn die Zitronen, Pomeranzen und ´Apple China` (chinesisch-sinesisch, also Apfelsinen, d. Verf.) kommen jährlich zweimal aus Spanien und Portugal im Überfluß. Das Stück kann man für 4 Pfennige kaufen.”
Der König war vergnügt und sang vor sich hin. Jedesmal, wenn ihm Fremde begegneten, fragte er, ob es die Herren de Pinto seien. Es waren aber Fremde, die nur zu Besuch waren. Wohl aber machten die Pintoschen Kinder dem König ihre Reverenz, denn sie waren “sehr gut, höflich und komplisant erzogen”. Als der König an dem Schlosse vorüberging, war die Herrschaft von der Tafel aufgestanden und betrat den Garten, ihn mit einem Komplment begrüßend. Gern hätte der König die Fontänen auch springen sehen. Er nahm aber davon Abstand, als er hörte, daß die Herrschaft erst um Erlaubnis gefragt werden müsse. Ohne etwas zu sagen, ging er dann weiter durch den Garten bis in das Stern-Boskett, an dessen Ende ein Amphitheater mit einem Tempel stand. Hier gefiel dem König der Fußboden des Tempels, der mit Korallen wie mit einer türkischen Tapete ausgelegt war. Besonders aufmerksam betrachtete er die Einsetzung der Steine, weil man gar nicht den Kitt sah, in den sie gelegt waren. Seine Frage, ob das auch der Gärtner gemacht habe und ob die Korallen in Amsterdam vorhanden seien, bejahte der Obergeselle.
Der König zeigte eine gewisse Ungeduld. Er fragte, ob die Utrechtsche Schuite nicht bald ankäme. Er habe Sachen darin. Als Frau Heydert ihm sagte, es sei noch eine kleine halbe Stunde Zeit, kehrte er noch einmal zurück und besah die schönen hohen Hecken. Dann ging er nach dem Steig und stieg in die Schuite, die gerade angelegt hatte. Glasow gab der Gärtnersfrau Heydert ein Douceur von 8 Schillingen, nach holländischem Gelde etwas mehr als 2 Gulden.”[48]

Die Anlegestelle für die Schute am Amstelufer befand sich, nach einer Buchillustration aus dem Jahr 1730, direkt vor dem Eingangstor zum Gelände des Lustschlosses Tulpenburg. Die Schute kam aus dem Zentrum von Amsterdam – vermutlich aus den Walletjes, dem alten Hafenviertel der Stadt, bzw. von der Stadhouderskade an der Stadtmauer von Amsterdam – und fuhr die Amstel gegen die Strömung aufwärts in Richtung des Dorfes Ouderkerk aan de Amstel. Eine Fahrt von der Stadthouderskade die Amstel aufwärts über die Gartenwirtschaft ´t Kalfje zu dem Dorf Ouderkerk wird noch heute in Reiseführern als Vorschlag für Fahrten in die Umgebung Amsterdams angeboten. Als besondere Sehenswürdigkeit offerieren die Reiseführer dabei : den Friedhof der portugiesischen Juden an der Kirche von Ouderkerk mit einer Menge erhaltener schöner Grabplatten. Wie vorstehendem Erlebnisbericht Heyderts zu entnehmen ist, befand sich das Lustschloß 15 Minuten Fußmarsch stromaufwärts von Ouderkerk entfernt. Hinter Ouderkerk gibt es eine Verbindung von der Amstel zu dem Flüßchen Vecht. Der heutige Amsterdam-Rijnkanaal berührt zumindest bei Nigtevecht fast die Vecht, die man hier leicht durch eine (zumeist offene) Schleuse erreichen kann. Die Vecht, die über Utrecht nach Muiden im Norden verläuft und dort in das Ijsselmeer mündet, gilt als einer schönsten Wasserwege der Niederlande. Das trifft aber nur für den mittleren Teil zu, wo sie sich durch eine parkähnliche Landschaft schlängelt und wo ein Schlösschen neben dem anderen an ihrem Ufer steht. Von Nigtevecht über De Nes und Vreeland bis Loenen sind es 10 Kilometer Fahrt. In der Anfahrt auf das Städtchen Loenen sieht man zum erstenmal die Schlösschen an der Vecht mit ihren Parks, die bis zum Wasser herunterreichen. Es sind mehr oder minder prächtige Herrensitze, die zumeist von betuchten Amsterdamer  Kaufleuten gebaut wurden, als “Stadhuis buiten”, also als Stadthaus draußen in der Natur, mit dem man beides zu verbinden wusste: den Komfort eines Stadthauses und die Annehmlichkeiten des Landlebens. Typisch für diese Schlösschen sind auch die “Theekoppelens”, kleine manchmal geradezu bizarre Pavillons, die alle unten am Wasser stehen. In Loenen wird die Vecht sehr schmal. Von Loenen sind bis Utrecht über Loosdrechtse Plassen, Breukelen, Maarssen und Oud-Zuilen insgesamt 22 km Wasserweg zurückzulegen. Bei dem idyllischen Dorf Oud-Zuilen liegt in einem großen Park eine mittelalterliche Wasserburg, das Kastel Zuylen. In Utrecht wird die Schuite in der Oude Gracht – dem Stadthafen von Utrecht angelegt haben.

Auf der Fahrt von Tulpenburg nach Utrecht hatte Friedrich eine für sein weiteres Leben bedeutungsvolle Begegnung. Er traf mit Henri Alexandre de Catt zusammen, damals Student an der Universität Utrecht und “Hilfslehrer bei einer der Pensionsanstalten in der Umgegend”[49] – später Vorleser bzw. Gesellschafter des Königs. Henri de Catt kam vom Besuch eines Landgutes zurück, hatte die Barke angerufen und bestiegen. In einem Brief an den Verleger Laveaux schrieb de Catt im Rückblick über seine Begegnung mit Friedrich II:

“Da ich nicht in das Roof (Kajüte) kommen konnte, weil sie vermietet war, so blieb ich mit den anderen Passagieren in der Barke selbst, und da das Wetter schön war, so ging ich auf das Verdeck. Nach einiger Zeit kam aus der Kajüte ein Mann in zimtfarbenem Kleide mit goldenen Knopflöchern, einer schwarzen Perücke, gesicht und Kleid ziemlich mit Schnupftabak befleckt. Der Unbekannte fixierte mich eine Zeitlang und fragte sodann ohne weitere Vorrede: ´Wer sind Sie, mein Herr?` Dieser kavalierische Ton von einem Unbekannten, dessen Äußeres nichts sehr Wichtiges verkündete, war mir zuwider, und ich weigerte mich, seine Neugier zu befriedigen. Er schwieg. Einige Zeit darauf nahm er einen höflicheren Ton an und sagte: ´Kommen Sie doch hier zu mir herein, mein Her! Sie werden sich da besser befinden als in der Barke unter dem Tabaksrauche.` Diese höfliche Anrede besänftigte meinen Unwillen, und da das sonderbare Wesen des Mannes meine Neugier rege machte, so benutzte ich sein Anerbieten. Wir setzten und und fingen an vertraulich miteinander zu reden.
´Sehen Sie wohl den Mann in seinem Garten dort, der am Ufer ein Pfeifchen raucht?` sagte er zu mir; ´dieser Mann ist zuverlässig nicht glücklich.` – ´Ich weiß nicht`, versetzte ich, ´aber ich denke, ohne einen Menschen zu kennen, ohne von seiner Lage und Denkart vollkommen unterrichtet zu sein, lasse sich unmöglich bestimmen, ober glücklich oder unglücklich sei.`
Mein Unbekannter gab mir recht (sehr gutmütig!) und lenkte das Gespräch auf die holländische Regierung. Er kritisierte sie – vermutlich um mich zum Reden zu bringen. Auch sprach ich und gab ihm freimütig zu verstehen, daß er von dem, was er kritisierte, nicht völlig unterrichtet sei. – ´Sie haben recht`, versetzte er; ´man muß nur über das urteilen, womit man ganz bekannt ist.` – Nunmehr fing er an, von Religion zu sprechen und mit beredter Zunge alles das Übel herzuzählen, was die scholastische Philosophie in der Welt verursacht hatte; dann suchte er zu beweisen, die Schöpfung sei unmöglich. Ich fing an, den letzten Punkt zu widerlegen. ´Allein, wie kann man etwas aus nichts schaffen?` sagte er mir. ´Davon ist nicht die Rede`, antwortete ich ihm; “es kommt darauf an, zu wissen, ob ein solches Wesen, wie Gott, dem, was nicht ist, Existenz geben kann oder nicht.` Er schien verlegen und versetzte: ´Aber die Welt ist ewig.` – ´Sie geraten in einen Zirkel` , entgegnete ich, ´wie wollen Sie da heraus?` – ´Ich setzte darüber weg`, sagte er lachend; darauf fing er an, von anderen Dingen zu sprechen.
´Welche Regierungsform halten Sie für die beste?` fragte er unter anderem. ´Die monarchische, wenn der König gerecht und aufgeklärt ist.` – ´Sehr wohl`, entgegnete er; ´aber wo findet man dergleichen Könige?` Und damit tat er einen Ausfall auf die Könige, der mich nicht im geringsten auf die Vermutung bringen konnte, daß er einer sei. Zuletzt bekalgte er sie zumal, daß sie die Süßigkeit der Freundschaft nicht kennten, und führte bei der Gelegenheit folgende Verse an (vermutlich seine eigenen):
Amitié, plaisir des grandes âmes;
Amitié, que les Rois, ces illustres ingrats,
Sont assez malheureux de ne connaitre pas!
´Ich habe nicht die Ehre, näher mit Königen bekannt zu sein`, sagte ich; ´aber aus dem, was ich in der Geschichte von mehreren gelesen habe, zu urteilen, glaube ich, mein Herr, daß Sie im allgemeinen recht haben.` – ´Ah, oui, oui, ich habe recht, ich kenne die Herren!`
Jetzt kamen wir auf die Literatur zu sprechen. Der Unbekannte ließ sich über Racine mit vieler Bewunderung und Enthusiasmus aus. Während der Unterredung ereignete sich ein drolliger Zufall. Der Unbekannte wollte ein kleines Schiebfenster herunterlassen und konnte nicht damit fertig werden. ´Das verstehen Sie nicht`, sagte ich zu ihm; ´überlassen Sie das mir.` Ich versuchte, es herunterzuziehen, und war nicht geschickter als er. ´Mein Herr`, fing er nun an, ´erlauben Sie mir nun, Ihnen meinerseits zu sagen, daß Sie, auf Ehre, es ebensowenig verstehen.` – ´Das ist wahr, und ich bitte Sie um Verzeihung; ich bin zu rasch gewesen, Sie der Ungeschicklichkeit zu beschuldigen.` – ´Waren Sie in Deutschland?` fragte er mich dann. ´Nein; aber ich habe Lust, diese Reise zu machen, und ich bin sehr begierig, die preußischen Staaten und deren König zu sehen, von dem man so vieles erzählt.` Damit fing ich an, mich über Friedrichs Taten auszubreiten; aber er unterbrach mich schnell mit den Worten: ´Nichts von den Königen, mein Herr! Was gehen uns die Wesen an? Wir wollen uns den Überrest unseres Weges hindurch von angenehmeren und aufheiternden Gegenständen unterhalten.`
Und nun sprach er von der besten aller möglichen Welten und behauptete, es gebe auf unserer Erdkugel mehr Böses als Gutes. Ich verteidigte das Gegenteil, und dieser Disput brachte uns zum Ziel unserer Reise.
Wie er mich verließ, sagte er: ´Ich hoffe, mein Herr, daß Sie mir nun Ihren namen sagen werden; mir ist es sehr lieb gewesen, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben; vielleicht sehen wir uns wieder.` Ich antwortete ihm auf dies Kompliment, wie sich`s gebührte und bat ihn, mich zu entschuldigen, daß ich ihm ein wenig widersprochen hätte. ´Schreiben Sie dies`, schloß ich, ´der üblen Laune zu, worin mich verschiedene kleine Reisen versetzt, die ich in diesen Tagen gemacht habe.` Ich sagte ihm sodann meinen Namen und wir schieden. – Schieden, um sich wieder zu begegnen und an zwanzig Jahre miteinander zu leben.”[50]

Franz Kugler beschreibt in seiner 1842 erschienenen “Geschichte Friedrichs des Grossen” die Begegnung von Friedrich II. und de Catt wie folgt:

“Von Amsterdam fuhr Friedrich auf der ordinären Barke nach Utrecht, um das Vergnügen zu haben, die schönen Landhäuser am Ufer des Flusses zu sehen. Hier machte er die Bekanntschaft eines Schweizers, le Catt, der als der Erzieher eines jungen Holländers reiste. Er lud ihn ein, an seiner Mahlzeit teilzunehmen. Das Gespräch, in dem der Schweizer mannigfache Kenntnisse entwickelte und, als Friedrich ein ziemlich scharfes Examen über die schweizerischen Zustände anstellte, durch geistreichen Widerspruch zu fesseln wußte, erweckte ebenso, wie de Catts ganzes Benehmen, die besondre Teilnahme des Königs. Er bat sich seine Adresse aus, mit dem Bemerken, daß er ihm in Zukunft einmal vielleicht gute Dienste leisten könne. Nach drei Monaten empfing le Catt eine Einladung von Friedrich, die Stelle eines Vorlesers und literarischen Gesellschafters bei ihm zu übernehmen. Doch war er damals krank und konnte der Einladung nicht folgen. Nach drei Jahren ward er aufs neue von Friedrich aufgefordert; jetzt reiste er zu ihm und blieb ihm über zwanzig Jahre ein treuer Diener.” [51]

1885 erschienen erstmals die “Gespräche Friedrichs des Großen mit Henri de Catt” in deutscher Sprache. Im Vorspann zu dem darin wiedergegebenen Tagebuch von Catt aus den Jahren 1758 bis 1760 wird die Begegnung von Friedrich II. und Henri de Catt beschrieben. Grundlage dafür ist die in dem Brief von Catt an Laveaux enthaltene Schilderung. In einigen Punkten, vor allem im letzten Teil, weicht sie jedoch von der früheren Darstellung ab.

„Im Juni 1755 hatte ich einen Besuch auf einem Landgute zwischen Amsterdam und Utrecht gemacht. Ich rief, um nach Utrecht zurückzukehren, die Barke an, welche zwischen Städten verkehrte. Die Kajüte war für einen Passagier reservirt. Ich mußte also im Vorderteile des Schiffes bleiben.
Nach einiger Zeit kam aus der Kajüte ein Mann in zimmetbraunem, goldverbrämtem Anzug heraus. Er trug eine schwarze Perücke, Gesicht und Anzug waren voll von spanischem Schnupftabak. Er betrachtete mich aufmerksam, und fragte mich ohne weiteres:
– Mein Herr, wer sind Sie?
Der ungenirte Ton seiner Frage gefiel mir nicht, besonders da der Fragesteller seinem Außern nach kein besonders hochstehender Mann war. Ich verweigerte ihm daher jede Auskunft über meine Person. Er erwiederte im ersten Augenblick nichts, sagte aber dann in höflicherem Tone:
– Mein Herr, kommen Sie in meine Kajüte hinein. Sie werden dort weniger von dem Rauche leiden.
Die Höflichkeit, mit welcher er diese Worte aussprach, stimmte mich milder. Außerdem hatte sein ganzes Aueßere großen Eindruck auf mich gemacht. Ich trat also in die Kajüte. Wir fingen eine Unterhaltung an.
– Sehen Sie, sagte er, der Mann, der da in seinem Garten raucht, kann unmöglich glücklich sein.
– Das weiß ich wirklich nicht, aber ich glaube nicht, daß man ohne die Lebenslage und Sinnesart eines Mannes zu kennen, darüber urteilen kann, ob er glücklich oder unglücklich ist.
Der Reisende gab mir Recht und fing an von der Regierung der Niederlande zu sprechen. Er beurteilte sie scharf, offenbar um meine Meinung zu hören. Ich hielt auch nicht damit hinter dem Berge und gab ihm zu verstehen, daß er nichts davon verstehe.
– Sie haben ganz Recht, sagte er, man soll nicht über Dinge urteilen, die man nicht versteht.
Darauf fing er an über Religion zu sprechen, verbreitete sich mit großer Beredsamkeit über alles Unheil, welches die scholastische Philosophie angerichtet habe, und wollte beweisen, daß es keine Schöpfung der Welt geben könne. Den letzten Punkt gab ich ihm nicht zu.
– Aber, sagte er, wie ist es denn möglich, daß etwas aus nichts entsteht?
– Davon ist keine Rede, erwiederte ich. Es kommt lediglich darauf an, ob ein solches Wesen, wie wir uns Gott vorstellen, dem Nichts Leben verleihen kann.
Er schien mir verlegen und antwortete:
– Aber die Welt ist ja ewig.
– Da bewegen Sie sich in einem Kreise, aus dem Sie nicht herauskommen können.
Er fing an zu lachen und sprach von etwas anderm.
– Welche Regierungsform halten Sie für die beste? fragte er.
– Die Monarchie, wenn der König gerecht und aufgeklärt ist.
– Ganz richtig, aber wo giebt es solche Könige?
Und nun fing er an so gegen die europäischen Fürsten zu deklamiren, daß kein Mensch auf die Idee gekommen wäre, daß er selbst zu ihnen gehörte. Zuletzt sagte er, er bemitleide sie, besonders deswegen, weil sie den Genuß der Freundschaft nicht kennten.
– Ich habe nicht die Ehre, die Könige zu kennen, aber nach dem, was ich aus der Geschichte gelernt habe, glaube ich, daß Sie recht haben.
– Gewiß habe ich recht. Ich sage Ihnen, ich kenne die Herren, von denen ich spreche.
Darauf sprachen wir von der Literatur. Der Fremde äußerte sich über Racine mit großer Bewunderung und Begeisterung. Während er sprach, versuchte er eins der Kajütenfenster herunter zu lassen, kam aber nicht damit zu stande.

– Sie verstehen nichts davon, sagte ich. Ich werde das Fenster herunterlassen.

Aber ich wurde auch nicht damit fertig. Darauf sagte der Fremde:

– Nun erlauben Sie mir Ihnen zu sagen, daß Sie ebensowenig davon verstehen wie ich.

– Sie haben recht. Verzeihen Sie mir, es war voreilig von mir, Ihnen Ungeschicklichkeit vorzuwerfen.

– Sind Sie in Deutschland gewesen?

– Nein, aber ich möchte gern eine Reise nach Deutschland machen. Besonders gern würde ich Preußen und den König von Preußen sehen, von dem so viel gesprochen wird.

Darauf sprach ich von den Thaten des Königs, aber der Fremde ließ mich nicht ausreden, sondern sagte:

– Ach was! Lassen wir die Könige, wo sie sind. Was gehen uns die an! Wir wollen lieber von etwas Angenehmerem sprechen und uns dadurch die Langeweile der Reise vertreiben. – Wie können Sie es in diesem wässerigen Lande aushalten? Wollen Sie noch lange in Holland bleiben?

– Nein, meine Studien auf der Universität Utrecht bei dem berühmten Professor Wesseling sind bald beendet.

– Wesseling habe ich als einen gescheiten Mann rühmen hören. Aber Sie werden mir zugeben, daß diese ganze Art Leute Pedanten sind, Wesseling ist vielleicht nicht so schlimm wie die andern; wenigstens nennt er sich nicht Wesselenius.

Nun sprach er ausführlich über verschiedene Punkte der Wolffschen Philosophie.

– Ich habe mich viel mit diesen Fragen beschäftigt, sagte er endlich, meine Eltern wünschten nicht, daß ich studirte, aber ich habe es heimlich gethan und bereue es nicht. Was ich am wenigsten studirt habe, ist die Politik, sie besteht aus Lug und Trug und paßt nicht für meinen Charakter. –

Am nächsten Morgen erfuhr ich, daß der Fremde, der sich für den Kapellmeister des Königs von Polen ausgab, der König von Preußen war.”[52]

 

In der von Willy Schüßler verfaßten und 1926 unter dem Titel “Friedrich der Große. Gespräche mit Henri de Catt” veröffentlichten und im Jahr 1940 wiederaufgelegten Publikation ist eine weitere Version der Begegnung von Friedrich II. mit de Catt zu finden:

“Der König, der im Jahre 1755 nach Wesel gegangen war, um die Regimenter dieser Stadt zu besichtigen, entschloß sich plötzlich, nach Holland zu reisen und Amsterdam zu besuchen. Er nahm nur den Ingenieuroberst Herrn von Balbi und jenen Kammerdiener mit, welcher während des Krieges auf Festung gesetzet wurde.

Ich will hier nicht an alles erinnern, was die Neuigkeitskrämer von dieser Reise gesagt haben…

Durch einen jener seltsamen Zufälle, welche die Geschehnisse der Welt miteinander verketten, befand ich mich auf auf demselben Boote, das ihn nach Utrecht führte. Der König hatte das Zimmer dieses Bootes gemietet; er bemerkte mich.

´Wie heißen Sie, mein Herr? Treten Sie hier ein; Sie werden hier besser aufgehoben sein als dort.`

Ich trat nach längerem Zögern ein. Er sprach über Politik, Philosophie, Religion, über verschiedene Regierungen und mehrere Könige Europas, und er sprach mit solcher Gewandtheit und in einem so entschiedenen Tone, daß ich nicht umhin konnte, ihn darauf hinzuweisen, daß diese betonte Entschiedenheit keineswegs übereinstimmte mit seiner angeblichen völligen Unkenntnis des Landes, das er durchreiste.

´Wie können Sie in diesem sumpfigen Lande leben? Werden Sie sich lange hier aufhalten?`

´Nein; ich habe die Universität Utrecht kennenlernen wollen, und ich werde bald die beabsichtigten Studien unter dem berühmten Professor Wesseling beendet haben.`

´Ich habe von diesem geschickten Manne voll Lob reden hören; aber Sie werden zugeben: Alle diese Geschöpfe sind Pedanten – dieser hier vielleicht weniger als andere, da er sich nicht ´Wesselenius` nennt. Da Sie nach Utrecht reisen, so werde ich das Vergnügen haben, Sie hinzugeleiten, und wir können noch hübsch miteinander plaudern.`

Er sprach dann tatsächlich viel über Wolff, über den zureichenden Grund, den Satz des Widerspruchs und über die prästabilierte Harmonie.

“So wie Sie mich hier sehen oder vielleicht beurteilen, habe ich diese Fragen eifrig studiert. Meine Eltern liebten meinen entschiedenen Geschmack am Studium durchaus nicht; aber ich täuschte meine Eltern; ich habe studiert und bereue es nicht. Das Wissensgebiet, auf dem ich am wenigsten bewandert bin, ist die Politik; dieses Studium des Betruges ist meiner Wesensart wenig angemessen.`

So erreichten wir Utrecht.

´Leben Sie wohl, mein Herr! Ich hoffe Sie bei meiner Rückkehr in diese Stadt wiederzusehen; ich werde mich dort nach Ihrem Befinden erkundigen. Wenn Ihnen übrigens ein Abendessen im Gasthause angenehm wäre, so wäre es mir eine Freude, noch einige Augenblicke mit Ihnen zu verbringen. Ich werde Sie nicht lange aufhalten; denn ich will in der Nacht abreisen.`

“Einer anderweitigen Verpflichtung wegen vermochte ich diese Einladung nicht anzunehmen. Der König brach um drei Uhr morgens nach Arnheim auf. Da er von seinem Kammerdiener erfahren hatte, daß man wußte, er sei der König von Preußen, und daß ihn der Magistrat am Schlagbaum erwartete, um ihn zu begrüßen, so reiste er sofort ab, indem er den Oberst von Balbi in seine Kutsche setzte und selbst den nachfolgenden Bagagewagen bestieg.

Am Schlagbaum trat der Magistrat an die Kutsche heran, hielt eine Ansprache an den Obersten Balbi und beendete die feierliche Rede mit dem gemeinsamen Rufe: ´Gott sei gelobt, daß wir den Verteidiger der protestantischen Religion bei uns sehen!` Seine Majestät im offenen Wagen unterdrückte mit Mühe ein schallendes Gelächter.

Am folgenden Tage erfuhr ich, daß dieser Kapellmeister des Königs von Polen, der mir so gebildet entschieden lebhaft und widersprechend erschienen, der König von Preußen war.”

 

Die Rückreise von Wesel nach Potsdam

  1. bis 27. Juni 1755

 

Nachdem Friedrich II. über Utrecht und Arnheim kommend bei Kleve wieder heimisches Territorium erreicht hatte, begab er sich nach Schloß Moyland. Wechselte dort seine Kleider und traf schließlich In den Vormittagsstunden des 23. Juni in Wesel ein.

 

Am 24. Juni brach er in Wesel auf und reiste über Hamm nach Lippstadt.[53]

 

In Lippstadt machte er bis zum 25. Juni Station.

 

Am 25. und 26. Juni hielt sich Friedrich II. in Hameln auf.[54]

 

Von Saldern (heute ein Stadtteil von Salzgitter) trat  Friedrich II. am Abend des 26. Juni 1755 die Rückreise nach Potsdam an.

 

Am Mittag des 27. Juni 1755 soll Friedrich II. wieder in seiner Residenzstadt Potsdam angekommen sein, und sich dort bis zum 30. Juni aufgehalten haben. [55]
POTSDAM

Potzdam, Potsdam, Pozdam, Pottstam, Potstamb, Potstain …, eine zwar kleine doch sehr alte Churfürstliche Brandenburgische Stadt und Amt in der Mittelmarck, 4 Meilen von Berlin auf einem Werder, den die Havel, Notte und andere Ströme machen. Im Jahr 1416 hat einer von Rochau die Stadt Churfürst Friederichen I. überlassen und Churfürst Joachim I. hat sie wegen der vortheilhaften Lage befestigen wollen. Die angenehme Gegend und der gute Weinwachs hat Churfürst Friedrich Wilhelmen bewogen, ein Schön Schloß, Menagerie, Lust-Fasanen- und Thier-Garten, eine Glaß-Hütte und andere zur Ergötzlichkeit dienende Gebäude anzulegen. König Friedrich hat es noch verbessert, und unter dessen Nachfolger Friedrich Wilhelmen, welcher sich offt lange Zeit daselbst aufzuhalten pflegte, ist es noch weiter angebauet und in einen vollkommenen Stand gesetzet worden. Die Stadt nimmt täglich zu, und weil da zugleich Handel, Schiffarthen und auch Fabriquen sind, dabey die Leute genug zu tun finden. Sie wird in die Alte, Neue, Friedrichs- und Boden-Stadt getheilet, und ist mit einer Mauer umzogen. Sie hat 4 Thore, 5 Kirchen, 3 Schulen und 2 Waysenhäuser. Sonderlich ist eine berühmte Gewehr-Manufactur daselbst angeleget. Es stehet allhier auch die steinerne, bare gantz vergoldete Statue, welche den gedachten Friedrich Wilhelm zu Pferde vorstellet. Um Potzdam herum sind noch einige andere Königl. Lust-Häuser, als Kapput, Kleinicken, Borchheim, Fahnland.”

(Zedler, Johann Heinrich: Grosses vollständiges Universal-Lexicon, 28. Band, Leipzig-Halle 1741, Spalte 1921)

 

PIETZPUHL

Pietzpuhl, ein adeliches Guth der von Wulfen. Auf der großen Plaine, zwischen Pietzpuhl und dem im Jerichauschen Kreis gelegenen Cörbelitz, hält der König die jährliche große Musterung im Frühjahr. Es ist 2 kleine Meilen von Magdeburg entlegen.“

(Küster, C. D.: Kleine Preußische Länderkenntniß, mit einer Situationscharte aller Brandenburgischen Länder. Eine Lehrbuch für Anfänger der preußischen Länderkunde. Erster Theil, Magdeburg und Dessau (1782), S. 74)

 

BRAUNSCHWEIG

 „Braunschweig …, eine berühmte grosse und feste Stadt in Nieder-Sachsen, davon ein gantzes Herzogthum den Namen hat. Sie liegt an dem Fluß Ocker in einer ebenen und lust…… Gegend. … 1671 hat sie der Hertzog Rudolph August sich unterwürffig gemacht. Denn nachdem die gesamten Hertzoge von Braunschweig im Frühling selbigen Jahres zu Burgwedel beysammen gewesen , und die Stadt unter sich zu bringen beschlossen, so forderte Hertzog Rudolph August mit Hülffe seiner Herren Vettern selbige den 18. May auf, und den 26. Selbigen Monaths rückten die Hertzogliche Trouppen unter dem Feld-Marschall Grafen von Waldeck vor die Stadt. Unterdessen wurde verschiedenemahl von beyden Parteyen tractiret, wobey sich auch die Holländischen Gesandten, nebst denen Abgeordneten derer Städte Hamburg, Lübeck und Bremen eingefunden. Endlich erfolgte wieder alles Vermuthen den 12. Juni ein glücklicher Vergleich und den 16. Juni leisteten die Bürger denen gesamten Hertzogen von Braunschweig die Huldigung. Worauf die fünff Weichbilder der Stadt zusammen gezogen und unter ein Stadt-Regiment gebracht, an statt 14 Bürgermeister 4, an statt 11 Camerarien auch 4 und an statt 31 Raths-Herren 8 gesetzt, die niedrigen Gerichte gleichfalls reformirt, und an statt 10, 2 Stadt-Einnehmer und ein Buchhalter bestellet, und die Stadt also beruhigt worden ist.”

(Zedler, Johann Heinrich: Grosses vollständiges Universal-Lexicon, 4. Band, Leipzig-Halle 1733, Spalte 1136-1138)

 

“Braunschweig (Land und Herzogthum.) Das Braunschweigische Land ist ein Stück ja der größte Teil von dem alten Teutschen Hertzogthum Sachsen gewesen.

(noch nicht fertig gestellt!!!!)

 

SALZDAHLUM

Salzthalen, oder Saltzdahlum, Salzdalen, Salzdahl, Salzdal, Saltzdal …, ist ein Fürstlich Lustschloß des Hertzogs von Braunschweig-Wolfenbüttel, eine Stunde von Wolfenbüttel, eine von Braunschweig und sechs Meilen vom Hartzbergwercke gelegen. Einen Canonenschuß davon ist die Salzsiederey, von welcher das Dorff und Schloß den Namen bekommen. Hertzog Anton Ulrich von Braunschweig-Wolffenbüttel hat dieses prächtige Schloß erbauet, und 1696 zu Ende gebracht. Das Gebäude ist 200 Fuß lang und 50 breit. Es hat ein groß Corps de logis, welches vor sich einen schönen Hof hat, so an drey Seiten mit Galerien und mit zween Pavillons in den Ecken umschlossen ist, alles mit Architectur, von Dorischer, Ionischer und Corinthischer Ordnung bekleidet. Der eine Pavillon hält eine mit herrlichen Gemälden gezierte Capelle in sich, der andere einen schönen getäfelten Speisesaal. Die Galerie zur lincken von dem Corps de logis ist mit antiquen Statuen, und einer grossen Anzahl der auserlesensten Schildereyen von allen berühmten Meistern ausgezieret, und vor allen beschauens würdig. Alle übrigen Gemächer sind mit allerhand Arten von Gemählden in artiger Ordnung, wie auch die in freyer Luft stehenden Oerter mit schönen al fresco gemahlten Stücken versehen. Sonderlich sind auch daran die grosse Haupt-Treppe und die mitten unter den Gebäuden liegende Grotte von seltener und angenehmer Ordnung. Gegen den Garten zu hangen auch noch einige andere Gebäude und Pavillons an dem Corps de logis. Der Garten selbst ist schön und mit Statuen, Gräntzbildern, Fontainen und Alleen angenehm gemacht. Insonderheit ist ein runder Platz mit Parterren, und theils weissen, theils vergoldeten Statuen, wie auch mit fünf Fontainen gezieret und mit einer Terrasse und Canal eingefasset. Zu Ende der grossen Allee liegt ein Parnassus-Berg, so mit Grottirung, Statuen und Cascaden gezieret und sehr anmuthig ist. Hertzog Anton Ulrich hat allhier meistens residiert, den 24. May 1701, dabey ein Lutherisches Jungfrauen-Kloster angeleget, und ist auch allda gestorben. Nach des Hertzogs August Wilhelms Tode ist dieses Schloß dessen hinterlassener Witwe, Elisabeth Sophien, gebohrner Hertzogin von Holstein, eingeräumet worden.”

(Zedler, Johann Heinrich: Grosses vollständiges Universal-Lexicon, 33. Band, Leipzig-Halle 1738, Spalte 1611 f.)

 

Mit Salzdahlum verbanden sich für Friedrich II. verschiedene Erinnerungen. Vor fast auf den Tag genau 22 Jahren, am 12. Juni 1733, war er im dortigen Lustschloss mit Elisabeth Christine von Braunschweig-Bevern (1715 bis 1797), der Nichte Kaiser Karls VI., vermählt worden. Er fügte sich dabei dem Befehl seines Vaters.

 

Am 9. Juni 1733 traf die königliche preußische Familie mit dem Kronprinzen Friedrich, mit nur 13 Begleitern und 62 Bedienten in Salzdahlum, dem Lustschloss der braunschweigischen Herzöge, ein. Für den 12. Juni sind die Trauung und das „Beilager” der Jungvermählten anberaumt. Am Morgen des 11. Juni kommt es zu einem Vorfall am Bette von Friedrich Wilhelm I. Der österreichische Gesandte Graf Seckendorff hatte gerade aus Wien Befehl erhalten, den König in letzter Minute umzustimmen und die Hochzeit mit der Braunschweigerin zugunsten des englischen Projekts aufzuschieben oder am besten zu verhindern. Der Grund für diesen Gesinnungswandel lag in der Annäherung zwischen Österreich und den Seemächten; der Kaiser erstrebte englischen Beistand gegen die Franzosen. Unter Aufbietung aller seiner diplomatischen Überredungskünste unterbreitete Seckendorff die Wiener Wünsche. Doch der König – sonst unbeherrscht aufbrausend, diesmal jedoch erstaunlich ruhig – fällt dem General ins Wort: „Wenn ich Ihn nicht so wohl kennete und wüßte, daß er ein erhlicher Mann ist, so glaubte ich, er träumte. Hätte man vor drei Monaten so gesprochen, so wüßte nicht, was Liebe für Ihro kaiserliche Majestät nicht getan, ungeachtet, daß es wider dero, auch wider mein Interesse wäre, daß mein ältester Sohn mit einer englischen Prinzessin vermählt werden solle. Aber nun, da ich mit der Königin schon hier bin und ganz Europa weiß, daß morgen das Beilager geschehen soll, so ist es abermals eine englische Finesse, um mich vor der ganzen Welt vor einen wankelmütigen Menschen ansehn zu machen, der weder Ehre noch Parole zu halten gewohnt ist.”[56] Der mißtrauische König witterte eine erneute Intrige seiner Frau und seines Sohnes und ließ ihn befragen. Friedrich beteuerte seine Unschuld und versicherte, nichts in der Welt könne sein der Prinzessin Elisabeth gegebenes Wort rückgängig machen.

Das Festprogramm nahm seinen Lauf. Es begann mit der feierlichen Unterzeichnung der Eheverträge, einschließlich der Verzichterklärung Elisabeth Christines auf Erbansprüche an das elterliche Haus. Gegen 5 Uhr nachmittags wird der Ehebund in der Schlosskapelle gesegnet. 24 Kanonen künden davon mit dreifachem Salut. Nach Festmahl, Fackeltanz und symbolischem Zubettbringen der Jungvermählten schloss die offizielle Trauungszeremonie. „Just diesen Augenblick ist die ganze Zeremonie zu Ende, und Gott sei Lob und Dank, daß alles vorbei ist…”, schrieb Friedrich an seine Schwester Wilhelmine.[57] Doch schon eine Stunde später ward der frischgebackene Ehemann – ohne Gattin – lustwandelnd im Schlosspark von Salzdahlum gesichtet.

Am 16. Juni 1733 kam Grauns “Lo Specchio della fideltá” (Der Spiegel der Treue) in Salzdahlum zur Aufführung. Damit waren die Feierlichkeiten beendet, und der Berliner Tross verließ das Wolfenbütteler Land, um sich schon einige Tage später in Berlin und Potsdam zur Hochzeit des Prinzen Karl mit Charlotte erneut zusammenzufinden. Dann sollte auch Elisabeth Christine endgültig in ihrer neuen Residenz eintreffen.[58]

Das eheliche Verhältnis, welches anfangs zum mindesten nach außen erträglich aussah, wurde bald merklicher kühler. Seit 1740 lebte Elisabeth Christine von Friedrich getrennt auf Schloss Schönhausen. Nur zur Winterszeit kam sie in das Berliner Stadtschloss und nahm am geselligen Hofleben teil, ohne im Mittelpunkt zu stehen. Mit ihrem Bruder, Herzog Ferdinand von Braunschweig, stand Elisabeth Christine im regelmäßigen Briefkontakt. Über ihre fast 20jährige Ehe mit Friedrich II. schrieb die Königin einmal u.a.:

„Warum hat sich denn alles ändern und warum habe ich all die frühere Güte und Gnade verlieren müssen? Ich denke noch mit Freude an die Rheinsberger Zeit zurück, wo ich so vollkommen glücklich war, wohlgelitten von einem Herrn, den ich so liebe, für den ich gern mein Leben hingeben würde. Aber wie sehr bedaure ich jetzt, daß alles anders geworden ist. Nur mein Herz ist unverändert geblieben und wird immer gleich für ihn schlagen, und ich hoffe immer noch, daß alles wieder anders wird. Diese Hoffnung hält mich allein noch aufrecht. Wolle Gott nur den lieben König in vollkommener Gesundheit erhalten.”[59]

 

MINDEN

Minden …, ein Fürstenthum in Deutschland, im westphälischen Kreyse, welches an die Grafschafft Schaumburg, Hoye und Dipholt, Osnabrüg und die Grafschafft Ravensberg gränzet, welche letztere im Jahr 1719 mit diesem Fürstenthum ist combiniret worden, siehe Ravensberg. Es lieget zu beyden Seiten der Weser, und ist ohngefehr 6 Deutsche Meilen lang, aber nicht sonderlich fruchtbar und bewohnt. Es liegen folgende Oerter darinnen: Minden, Petershagen, Himmelrück, Quersheim, Lübecke, Renne, Schlüsselburg und Wittersheim. Es war ehedem ein Bisthum, wurde aber im Jahr 1648 im Osnabrüggischen Frieden secularisiret, und dem Chur-Hause Brandenburg zur Satisfaction wegen Pommern, erblich, unter dem Titel eines Fürstenthums übergeben, welches auch eine Brandenburgische Landes-Regierung in der Stadt Minden angeleget.”

(Zedler, Johann Heinrich: Grosses vollständiges Universal-Lexicon, 21. Band, Leipzig-Halle 1739, Spalte 304)

 

Minden, Mindim …, eine Stadt des vorstehenden Fürstenthums gleichen Namens. Sie liegt an der Weser 3 Meilen von Hervorden und 10 Meilen von Bremen, unterm 30 Gr. 35 Min. der Länge, und 52 Gr. 25 Min. der Breite. Sie ist ziemlich groß und feste, und ist der Haupt-Ort in dem Fürstenthum Minden. … Im Jahr 1529 gieng es mit Annehmung der Lutherischen Religion heftig zu, daß das Capitel aus der Stadt flüchtete, weswegen dieselbe 1538 in die Acht erkläret, und 1547 von Carl V. zur Uebergabe genöthiget wurde. Die Religions-Streitigkeiten währten nach der Zeit immer fort, und in dem 30jährigen Kriege wurde die Stadt 1626 von dem Tilly, 1634 aber von Hertzog Georgen zu Lüneburg eingenommen, und nachgehends von den Schweden wider das Dom-Capitel beschützet, welche von 1636 an die Stadt inne gehabt, und 1650 den 7. Sept., vermöge des Westphälischen Friedens, dieselbe an Friedrich Wilhelm, Churfürsten zu Brandenburg, abgetreten. Im jahr 1679 ist die Stadt von den Franzosen berennet, aber wegen des dazwischen gekommenen Friedens nicht förmlich belagert worden.

Sie hat 3 Lutherische Pfarr-Kirchen, an deren einer zu St. Marien das adeliche Stifft. Die Catholischen haben den Dom und die Stiffts-Kirche zu St. Johannis; die Reformirten aber nur ein besonderes Haus zu ihrem Gottesdienst. Die Weser-Brücke ist jenseit mit einer Schantze bedecket. Die Überbleibsel von der Wittekindsburg sind nebst andern Antiquitäte merckwürdig, das Bier den Fremden anständig, und die Stapel-Gerechtigkeit der Stadt sehr vorteilhafftig. Sie treibet starcke Handlung mit Getreyde, welches allerwegen, sonderlich von Wanfried und Mühlhausen zugeführet wird, welches sie theils behält, teils auf dem Flusse weiter führet. Sie gehörte vormals zum Anseatischen Bunde. Das Weiß-Bier daselbst wird vor das beste in Westphalen gehalten. Es ist die Regierung des Fürstenthums von Petershagen hierher verlegt worden; so denn befindet sich auch allhier ein Consistorium, Kammer und Commissariat.”

(Zedler, Johann Heinrich: Grosses vollständiges Universal-Lexicon, 21. Band, Leipzig-Halle 1739, Spalte 304 ff.)

 

BIELEFELD

Bielefeld oder Bielfeld, Bilfeld, Bilefeld, die Hauptstadt der Grafschaft Ravensberg in Westphalen, 2 Meilen von Herford, 5 von Minden und 7 von Osnabrück zur Rechten des Flüßleins Luther, in einer Gegend, wo es viel Gehöltze giebt. Sie ist eine alte Hanse-Stadt, wohl gebauet und hat gute Nahrung von der schönen klaren Leinwand, welche allda in grosser Menge gemacht wird. In der Grösse kommt sie fast mit der Stadt Stade im Bremischen überein, nur daß sie nicht so feste ist. Sonsten hat sie 2 Pfarr-Kirchen, 1 Closter, gute Schule, steinern Rath- und Kauff-Haus. Zur Bedeckung dienet ihr das Berg-Schloß Sparenberg, welches ausser der Stadt auf einen hohen Felsen stehet, und sehr feste ist, in welchen stets Chur-Brandenburgische Besatzung lieget. Alls an 1612 in Teutschland, und sonderlich in Westphalen grosse Erdbeben entstunden, so geschahe sowol in der Stadt Bielefeld, als auf dem Schlosse Sparenberg an denen Mauren und Gebäuden grosser Schaden, und war dieses merckwürdig dabey, daß bei schönen stillen Wetter sich die Bäume auf dem Felde bewegten, als wenn ein starcker Wind drein gienge, wie im vermehrten Thuano stehet. An 1625 hat Herzog Christian von Braunschweig diese Stadt eingenommen, aber sie ist bald von denen Kayserlichen und Ligistischen erobert worden. An 1637 im Junio kam sie in derer Hessen Gewalt, welche alles daherum mit Contribution belegten. An 1673 im April wurde sie von dem kriegerischen Bischof zu Münster nebst vielen andern herum liegenden Städten belagert, aber nicht erobert. Als an 1679, am 6. Juli, die eingefallenen Franzosen das Sparenberg auch angriffen, wiewol vergeblich, so nahm die Stadt Bielefeld am 12. Juni etliche feindliche Trouppen ein, welche die Bürgerschaft sehr hart und so lange beschwerten, bis sie nach völlig geschlossenen Frieden dererselben wieder ledig wurden. In dieser Gegend fielen im Sommer des 1685. Jahres Schlossen von 5, 6, 7 bis 8 Pfunden, welche nicht allein zwischen dieser Stadt und Herdforden das Getreyde also, daß kein Halm im Felde stehen blieb, und alle Scheiben in denen Fenstern, sondern auch viele Menschen und Vieh erschlugen.

Diese Stadt gehöret zur Grafschaft Ravensberg, und ist im 17. Seculo an das Churfürstliche Haus Brandenburg gekommen, welches sie auch noch besitzet.”

(Zedler, Johann Heinrich, Grosses vollständiges Universal-Lexicon, 3. Band, Leipzig-Halle 1733, Spalte 1781f.)

LINGEN

Lingen, oder Linghen, nach einigen auch Ligne …, eine Graf- oder Herrschafft in Westphalen, an denen Bentheimischen, Tecklenburg-, Münster- und Osnabrückischen Grentzen, und denen Flüssen Aa und Ems gelegen, begreiffet die Kirch-Spiele Lingen, Lengerick, Bramsche, Buwinckel, Backum, Tünnen, Breeren, Schapen, Beesten und Plautlünden in sich, und ist mehrentheils Catholisch, wiewohl denen Catholischen unter der vorigen Holländischen Regirung die Kirchen genommen, und denen Reformirten eingeräumet worden; doch hat ihnen nachmahls der König in Preussen neue Kirchen zu bauen erlaubet, daß also an allen Orten zwey Kirchen, als eine Reformirte und eine Catholische anzutreffen.”

(Zedler, Johann Heinrich, Grosses vollständiges Universal-Lexicon, 17. Band, Leipzig-Halle 1738, Spalte 1419 ff.)

 

Lingen…, eine Stadt und festes Schloß in vorhergehender Graffschafft, eine Vierthel Meile von der Ems zwischen Rhene und Meppen, zwei Meilen von Haselune und Meppen, viere von Rhenen, fünfe von Couverden, sieben von Münster, zwölfe von Bremen gelegen. Im 1400. Jahre ward das Schloß von Bischoff Otten zu Münster belagert. Im 1519. Jahre, da sich Bischoff Erich zu Münster dieses Ortes bemächtiget hatte, plünderte er selbigen zwar aus, ließ ihn aber doch mehr als vorher befestigen. Als ihn die wiedervereinigten Niederländer im 1597. Jahre belagert und mit Vergleiche einbekommen hatten, war er mit doppelten Graben und Wällen, vier Bollwercken und drey Ravelinen befestiget. Im 1628. Jahre aber befestigten ihn die Spanier noch mehr. Wie sonst diese Stadt mit dem Lande zugleich in verschiedener Herren Hände gekommen, ist in vorhergehender Abhandlung angezeiget. Im 1682. Jahre that das Wasser grossen Schaden an diesem Orte. Auch befindet sich daselbst eine land-Schule, welche im 1658 Jahre angeleget worden.”

(Zedler, Johann Heinrich, Grosses vollständiges Universal-Lexicon, 17. Band, Leipzig-Halle 1738, Spalte 1424)

 

EMDEN

Embden, Emden…, die Haupt-Stadt in Ost-Frießland, an dem Flusse Ems, wo derselbe in den Dollert fällt, gelegen. Sie ist groß, reich und treibt wegen ihres bequemen Hafens guten Handel, ist auch mit einem Schloß, und 2 Castellen versehen und kann im Fall einer Belagerung gantz unter Wasser gesetzet werden. Unterschiedene wollen sie vor diejenige Festung halten, welche Drusus an denen Grentzen derer Friesen und Bructerer angeleget hat.

Ehemals haben sich die Abdenii der Herrschaft über diese Stadt angemasset, so soll sie auch vor diesem zu der alten Graffschafft Vecht gehöret haben. Nach diesem hat sie eigne Grafen gehabt, unter denen dem Grafen Ennoni an. 1599, jedoch mit Vorbehalt gewisser Privilegien, von denen Einwohnern gehuldiget worden. Weil er aber sich durch seinen Cantzler zu einem Kriege mit der Stadt verleiten lassen, stunden ihr die Niederländer bey, und brachten die Sache zu grossem Vortheil der Stadt zum Vergleich. Gegenwärtig gehört sie als eine freye Stadt zum Römischen Reiche, und stehet unter dem Schutz derer vereinigten Niederlande; worüber aber, weil ihr der Fürst von Ost-Friesland solche Freyheit nicht zustehet, auch der Kayser Carolus VI. sie zum Gehorsam gegen denselben durch viele Reichs-Hof-Raths-Conclusa, und eine deswegen besonders angeordnete Commission anweisen lassen, die Holländer aber im Gegentheil sich ihrer beständig angenommen, seit vielen Jahren her zwischen der Stadt und dem Fürsten schwere Streitigkeiten geführet, und insonderheit in denen Jahren 1727 und 1728 zwischen denen Kayserlichen, Französischen, Englischen und Preußischen Höfen, ingleichen denen General-Staaten verschiedene Handlungen gepflogen worden. Die catholischen dürffen zwar hier wohnen, haben aber keine freye  Religions-Uebung. Der König in Preussen und die Holländer haben einige Trouppen zur Guarnison darinne, auch befindet sich daselbst die Preussische Flotte und Africanische Compagnie.”

(Zedler, Johann Heinrich, Grosses vollständiges Universal-Lexicon, 8. Band, Leipzig-Halle 1734, Spalte 986 f.)

WESEL

Wesel..., eine Königlich-Preußische große, auf Holländische Art erbauete und wohlbefestigte Stadt in dem Herzogthum Cleve an dem Mund der Lippe, wo selbige in den Rhein fliesset, dahero sie vor Alters Lippermunde soll geheissen haben, liegt in einer sehr angenehmen Gegend sechs Meilen von Nimwegen, fünffe von Groll, sieben von Schenckenschantz, und viere von Cleve, und ist mit ungemeinen fruchtbaren Feldern umgeben. … Die Stadt hat acht Pforten, als die Visch-, Deich-, Gort-, Prunsche-, Demsche-, Kunys-, Lee- und Kloster-Pforte. Das Berliner Thor, zu welchem der General von Bode den Riß gefertiget, verdienet absonderlich von einem Reisenden in Augenschein genommen zu werden, weil man dergleichen nicht leicht anderswo schöner und vollkommener finden wird. Die Häuser allhier sind von aussen gantz artig gemahlet, unter denen das Rathhaus und die Burg oder der Junckern-Hof wohl verdienet, daß man sie besichtiget. Es sind auch allda vier Kirchen, davon die Reformirten zwey, nemlich die zu St. Willibrodis und die zu St. Antonii (immassen Wesel 1628 Reformirt worden;) die Lutheraner aber und die Catholischen jede eine, und die letztern über dem ein Kloster, wie auch die Juden eine Schule haben. Die festung wird heutigen Tages für eine der wichtigsten von Europa gehalten, zu deren Befestigung König Friedrich I. in Preußen den Anfang gemachet. König Friedrich Wilhelm aber solche Arbeit fortsetzen und vollenden lassen. Die Aufsicht des Fortifications-Baues ward damahln dem Königlich-Pohlnischen und Churfürstlich-Sächsischen General, dem von Bode, als Commandanten von Wesel, aufgetragen, welche nachgehend der damahlige Obriste Walrabe fortgesetzet hat. Die obgedachte feste Citadelle ist von 5 Pasteyen, recht in der Ecke, wo die beyden Flüße sich vereinigen, und wo vor dem nur eine kleine Schantze war, erbauet, auch die Stadt selver an Festungs-Wercken gar sehr verbessert, und solche Fortification 1718 dem Verlaut nach vollendet worden. Es soll auch dabey ein austräglicher Zoll, und eine Johanniter-Comterey seyn. Die dasige Rhein-Brücke beträgt in der Länge 400 Schritte. M. J. Kayser in seinem Clevischen Musenb. P. II, p.11, hat von Wesel folgende Verse aufgesetzet:

Ob Cleve gleich das Haupt, ist Wesel doch das Hertz

In diesem Herzigthum, drum ist es auch umgeben,

Mit einer starcken Brust: Man sieht es wieder leben,

Durch reiche Nahrungs-Krafft, nach überstandnen Schmertz.”

(Zedler, Johann Heinrich, Grosses vollständiges Universal-Lexicon, 55. Band, Leipzig-Halle 1748, Spalte 735 bis 737))

 

 

 

HAMM

Hamm, oder Hamme, Hamborch…, die erste und beste Land-Stadt in der Brandenburgischen Graffschafft Marck in Westphalen, bey welcher die Aße in die Lippe fällt. Sie war ehe Mahls eine von denen Hansee-Städten. In dem 30.jährigen Kriege ist sie bald in Kayserlichen, bald in Heßischen Händen gewesen, und erst an. 1647 dem Chur-Fürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg wieder eingeräumet worden. Sie liegt 9 Meilen von Herforden, 14 Meilen von Lippstadt und so vile von Münster, an den Münsterischen Grentzen, hat wohlhabende Einwohner, einen vermögenden Rath. Sie ist sonst wegen derer Schincken, die man in Holland Hammen nennet, und Fischerey bekannt, und soll ziemliche Handlung treiben. Es wird auch daselbst viele Leinwand gemacht, und gut Bier, Keut genannt, gebrauen, welches in die benachbarten Länder häuffig verführet wird. Es ist auch ein Gymnasium reformirter Religion daselbst.”

(Zedler, Johann Heinrich, Grosses vollständiges Universal-Lexicon, 12. Band, Leipzig-Halle 1735, Spalte 388)

 

LIPPSTADT

Lippstadt, oder Lipstat, Lipstatt, Lipsstadt, Lipstadt, Lippe…, eine in Westphalen an der lincken Seite des Flusses Lippe, von welchem sie den Namen erhalten, gelegene ehemalige Hansee-Stadt, von mittelmäßiger Grösse und regulairen Strassen, lieget gegen Westen zwey Meilen von Soest, gegen Osten drey Meilen von Paderborn, zwischen dem Stiffte Münster, Graffschafft Rittberg, Bischoffthume Paderborn und dem Chur-Cölnischen Herzogthume Westphalen. … Die ietzige Stadt ist in der Mitte des 12. Jahrhunderts von Graf Bernharden von der Lippe mit Bewilligung Kayser Conrads des III. erbauet, und hat von demselben gewisse Iura und Priulegia nach dem Söstischen Rechte, wiewohl in ein und andern Puncten verändert erhalten. Nachgehens ist sie mit Wällen, zweyen breiten Wasser-Graben und Rauelinen dergestalt umgeben, daß sie vor eine mittelmäßige Festung passiren kann, da sie Anfangs statt der Mauer nur mit einer höltzernen Plancke eingefasset worden. E sind in derselben 4 Lutherische Kirchen, als die Marien-Kirche am Marckte, Jacobi-, Nicolai- und Stiffts-Kirche, welche auch eine Pfarr-Kirche ist, wie auch ein Gymnasium, woran 5 Schul-Collegen sind, nemlich Rector, Con-Rector, Sub-Con rector, Cantor und der Infimus. Die Bürger sind meistentheils Lutherischer Religion, wiewohl auch reformirte und Catholische darinnen sind, welche das publicum Religionis Exercitium haben, und zwar jene in der vormahligen Augustiner-Kirche, diese aber in einem Augustiner-Nonnen-Closter, S. Annae Rosen-Garten genannt, worinne zwar geprediget und Messe gehalten wird, daher aber keine Iura Stolae, sondern müssen ihre Kinder in denen Evangelischen Kirchen tauffen, und ihre Leichen auf deren Kirch-Höfen begraben lassen. Der Rath hat vormals 32 Personen bestanden, ist aber zu Anfange dieses Jahrhunderts auf 24 reduciret worden, und wird in den stehenden und abgegangenen Rath geteilet, so das 12 Personen im Rathe alle Jahre sich abwechseln und alterniren, worunter auch einige Reformirte seyn müssen. Es ist auch hierselbst ein frey weltlich-adelich Stifft von 11 Canonisinnen, welche vollbürtig von Adel seyn müssen und bey ihrer Einkleidung aufgeschworen werden, so von Graf Berhnarden dem II. angelegt, und von Bernharden dem VI. wieder neu erbauet und verbessert worden. …

Im 1615. Jahre ward sie von Chur-Brandenburg und im folgenden von denen Spaniern und Neuburgern eingenommen. Im 1622. Jahre bekam sie Herzog Christian zu Braunschweig, im folgenden wieder die Spanier und Neuburger, mit Vergleiche ein. Im 1633. Jahre ist sie von denen Heßischen Kriegs-Völckern eingenommen, im Friedens-Schlusse aber wieder verlassen worden. Im 1654. Jahre drungen die Stände vergeblich darauf, daß die Befestigung geschleiffet und die Besatzung abgeführet würde. … Im 1679. Jahre den 29. Juni wurde sie bis zur Erfüllung des zwischen den Cronen Franckreich, Schweden und Brandenb. zu St. Germain en Leye geschlossenen Friedens denen Frantzosen eingeräumet, bald hernach aber von denselben wieder euacuiret. Sonst lieget die Stadt gar wohl, und zur Handthierung bequem treibet allerhand Gewerbe, sonderlich mit Holtze zum Schiffbaue, hat auch gute Nahrung vom Ackerbau, und nicht weniger guten Nutzen vom Flusse Lippe, und soll über dieses unter Wasser gesetzet werden können.”

(Zedler, Johann Heinrich, Grosses vollständiges Universal-Lexicon, 12. Band, Leipzig-Halle 1735, Spalte 1566 bis 1569)

 

HAMELN

Hameln oder Hamelen, Quern-Hameln..., eine zum Chur-Braunschweigischen Fürstenthum Calenberg gehörige Stadt und Festung an der Weser, 4 Meilen über Minden, wo sie den Hamel-Fluß zu sich nimmt, von dem ein Arm zwischen denen Mauren und Wall der Stadt durchgehet. Sie soll sonst zu Engern gehöret haben. Die Stadt ist in die Runde gebauet, braucht ¾ Stunden zu umgehen, hat 4 Thore, 2 Haupt-Kirchen, 3 Hospitäler und solche Wohn-Häuser, wie sie sich zur Nahrung derer Bürger, die in Acker-Bau und Bier-Brauen bestehet, schicken. Sie ist von Alters her wohl befestiget, und noch zu Anfang des 18. Seculi in vortrefflichen Defensions-Stand gesetzet worden, wie sie den als die Grentz-Festung u. Schlüssel derer Braunschw. Lande von dieser Seite anzusehen. Sie hat breite Wasser-Gräben, hohe Wälle, etliche Pasteyen und Thürme und starcke Festungs-Thore. Es soll diese Stadt gar alt und von Bernardo, Grafen von Engern, zu deren Erbauung Gelegenheit gemacht worden seyn. … Otto Graf von Eberstein bekam die Advocation darüber, welche auch bey seinem Hause geblieben, bis sie es dem Capitel verkaufft haben. Worauf der Meyerhof bey der Hamelau wegen der erbauten Collegiat-Kirche mit der Zeit volckreich worden, so daß aus denen da herum liegenden 10 Dörffern die Stadt Hameln entstanden, und von ihren damahligen Herren mit Freyheiten begnadiget worden. … Eine Meile von Hameln liegt der berühmte Sauer-Brunn Pyrmont.”
(Zedler, Johann Heinrich, Grosses vollständiges Universal-Lexicon, 12. Band, Leipzig-Halle 1735, Spalte 366-368)

 

SALDERN

Saldern, ein schönes Lustschloß, nebst einem prächtigen Garten, unweit Braunschweig, und dem Hertzog daselbst gehörig.”
(Zedler, Johann Heinrich, Grosses vollständiges Universal-Lexicon, 33. Band, Leipzig-Halle 17…, Spalte 860)

Anmerkungen

[1] Friedrich der Grosse. Gespräche mit Catt. Verdeutscht und herausgegeben von Willy Schüßler, Leipzig 1940, S. 2.

[2] Geschichte Friedrichs des Grossen. Geschrieben von Franz Kugler. Gez. von Adolph Menzel, Köln 1988, S. 625 (Nachwort).

[3] Ebenda, S. 280 f.

[4] Geschichte Friedrichs des Zweiten genannt Friedrich der Große von Thomas Carlyle. In sechs Bänden, Bd. IV, Berlin 1917, S. 472.

[5] Die Bilder-Gallerie von Sanssouci. Von dem Kunstgärtner H. L. Heydert. XXII. Vortrag, Verein für die Geschichte Potsdams, 13. Sitzung am 29. September 1863, S. 1.

Heinrich Ludwig Heydert sagte zu den für seinen Vortrag genutzten Materialien: „Konnte ich bei Zusammenstellung des Folgenden aus den Werken von Nicolai, Manger, Kopisch und Belani schöpfen, bewies die stets gefüllte Mappe des Herrn Hofrath Schneider auch mir ihre bekannte Bereitwilligkeit, schätzenswerthe, aus dem Actenstaub gesammelte Notizen mitzutheilen; so war es doch ein besonderer Vortheil für mich, ein von meinem Großvater eigenhändig geschriebenes und von dem Vater auf mich, als den ältesten der jetzigen Familie, übergegangenes Manuscript zu besitzen, das die Aufschrift führt: ´Mein Lebenslauf und wahrhafte Begebenheiten.`” (Ebenda, S. 2)

[6] Droysen, Hans: Tageskalender Friedrichs des Großen vom 1. Juni 1740 bis 31. März 1763. In: Forschungen zur brandenburgischen und preußischen Geschichte, 29. Bd., München und Leipzig 1916, S. 138.

Für die Erarbeitung des „Tageskalenders” wertete er aus: Berliner Zeitungen; Historisch-Genealogische Nachrichten; Helden-, Staats- und Lebensgeschichte Friedrichs des Anderen; Die Briefe des Königs im Geheimen Staatsarchiv; Euvres de Fréderic le Grand. Bd. 16 ff.; Publikationen aus den Königlich Preußischen Staatsarchiven 72, 81, 82, 86; Die Briefe der übrigen Mitglieder des Königlichen Hauses im Königlichen Hausarchiv; Politische Correspondenz Friedrichs des Großen, zum Teil ergänzt aus der Immediatcorrespondenz mit Podewils und den Minutenbüchern des Geh. Staatsarchivs; Chatull- und Theaterrechnungen des Königs im Königlichen Hausarchiv; Graf Lehndorff: Dreißig Jahre am Hofe Friedrichs des Großen (von 1750 an), 1907 sowie Nachtrag 1, 1910; Die Tagebücher der Lieutenants im Ersten Bataillon Leibgarde, von Miltitz (1740-1752) und von Scheelen (1750-1756) im Kriegsarchiv des Großen Generalstabes, zum Teil abgedruckt in: Urkundliche Beiträge und Forschungen zur Geschichte des Preußischen Heeres, Heft 10, 1906; Die Tagebücher de Catts, Publikationen, Bd. 22; Rödenbeck………: Tagebuch oder Regentenkalender aus Friedrichs des Großen Regentenleben.

[7] Kania, Hans: Anmerkungen über Friedrich den Großen als Kunstsammler. In: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Potsdams, Neue Folge……………………………………………….., S. 13.

[8] Friedrich der Große als Musikus des Königs von Polen. Nach Heyderts Aufzeichnungen von Friedrich Backschat. In: Potsdamer Tageszeitung vom 14. Mai 1934.

[9] Gaxotte, Pierre: Friedrich der Große. Mit 130 Bilddokumenten, Berlin 1973, S. 360.

[10] Leuschner, Hans: Friedrich der Grosse. Zeit-Person-Wirkung. Mit einem Essay von Karl Erich Born, Gütersloh 1986, S. 64.

[11] Beyer, Klaus (Hrsg.): Zeit der Postkutschen. Drei Jahrhunderte Reisen 1600 – 1900, Karlsruhe 1992, S. 30

[12] Bis 1990 soll das Gelände zwischen Pietzpuhl noch militärisches Speergebiet gewesen sein. Der Verfasser dieser Studie suchte am 14. Juli 2002 das Dorf auf. Neben Altbestandsgebäuden sind dort in den letzten Jahren mehrere neue Einfamilienhäuser entstanden. Das im Zentrum des Dorfes gelegene Schloss befindet sich in einem verwahrlosten Zustand, ist aber bewohnt. Vieles deutete darauf hin, dass die alten historischen Gebäude schrittweise saniert werden.

[13] „Cabinetsordre an das General-Directorium. Campement bei Pitzpuhl, 9. Juni 1755”. In: Die Behördenorganisation und die allgemeine Staatsverwaltung Preußens im 18. Jahrhundert. Zehnter Band. Akten vom Januar 1754 bis August 1756, Berlin 1910, Dokument Nr. 161, S. 287 f.

Plesmann (Vgl. ebenda, S. 156), Bittorf (Vgl. ebenda, S. 158), Nöthing (Vgl. ebenda, S. 159), Krause (Vgl. ebenda, S. 180). Die Bestallung für Klevenow (nicht: Klevenau) erfolgte per 12. Juni 1755. Zugleich wurde er zum Commissarius loci für die Alt- und Neustadt Magdeburg und Sudenburg bestellt. Die Bestallung für Meinicke erfolgte ebenfalls zum 12. Juni 1755.

[14] Es könnte sich hier aber auch um den Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel, Ferdinand, gehandelt haben. Der Bruder von Elisabeth Christine und Schwager Friedrichs II. war preußischer Generalfeldmarschall und führte in seinem Titel auch den “Prinz”.

[15] Vgl. Römer, Christoph (Hrsg.): Braunschweig-Bevern. Ein Fürstenhaus als europäische Dynastie 1667-1884, Braunschweig 1997 (=Veröffentlichungen des Braunschweigischen Landesmuseums 84).

Siehe auch: Hagen, Rolf: Museum Schloß Wolfenbüttel, Braunschweig 1988; Deus, Ruthild: Elisabeth Christine. Königin von Preußen, Berlin 1996; Gervais, Otto: Die Frauen um Friedrich den Großen, Berlin 1933.

Das nur wenige Kilometer von Wolfenbüttel und in ländlicher Ruhe gelegene Lustschloss Salzdahlum wurde 1813/15 abgerissen und der Garten eingeebnet. Heute befindet sich am Standort des Schlosses – wie der Verfasser dieser Studie bei seinem Aufenthalt in dem Dorf am 14. Juli 2002 selbst sehen konnte – ein Staatsgut (Domäne). Auf dem Areal, wo sich einst der Lustgarten befand, werden Zuckerrüben und Erdbeeren angebaut. Von dem alten Bestand ist nur noch ein Gebäude vorhanden. (Siehe zum Aussehen von Schloss und Park Salzdahlum beim Aufenthalt von Friedrich II.: Grote, Hans-Henning: das ehemalige fürstliche Lustschloß Salzdahlum. (Veröffentlichung des Museums im Schloß Wolfenbüttel), Wolfenbüttel 1996.

[16] Schroeder, Wilhelm: Chronik des Bistums und der Stadt Minden, Minden i. W. (Verlag von P. Leonardy) 1886, S. 646.

Wie sich bei der Beschreibung von Ereignissen durch falsches Zitieren in Darstellungen nachträglich Fehler einschleichen können, zeigt Hans Nordsiek. Der damalige Leiter des Kommunalarchivs Minden datiert 1986 den Aufenthalt von Friedrich II. in Minden auf den 1. und 2. Juni 1755. Als Beleg führt er die von Schroeder verfasste Chronik an. Nordsiek schreibt: „Auf einer Reise nach Ostfriesland machte der König am 1. Juni 1755 in Minden Station. Er übernachtete hier – vermutlich wiederum beim Obersten Wutginau – und inspizierte am nächsten Morgen dessen Bataillon, um danach weiterzureisen.“ (Nordsiek, Hans: Das preußische Fürstentum Minden zur Zeit Friedrichs des Großen, Minden 1986, S. 17).

Der Verfasser dieser Studie suchte am 15. Juli 2002 das Kommunalarchiv Minden auf. Er sprach mit der Leiterin des Archives, M. Schulte, sah das Findbuch zum Aktenbestand „Stadt Minden  C  (1723-1807)“ durch und wertete folgende Akten aus:

C 1127    ca. 1755                  Verzeichnis von den um 1755 in der Stadtrentekammer befindlichen Amtsbüchern (Kataster, Proto-

kolle, Steuerlisten, Einnahme- und Ausgaberegister, Bürgerbüchern, Salarienbücher u.a.) und Kämmereiakten des 16. – 18. Jahrhunderts

C 94        1749-57                  Allerhand Materie (Magistratserlasse, Protokolle usw.)

C 182      1755 ff.                   Bestellung der Stadtoffiziere, Vol. II

C 357, 27 (alt)        1754/55   General-Kämmereirechnung von 1754/55.

C 357,28 (alt)         1755/56   General-Kämmereirechnung von 1755/56.

Hinweis: Die Kämmereirechnungen wurden jeweils von Trinitatis (Dreifaltigkeitsfest; Sonntag nach Pfingsten) des einen Jahres bis Trinitatis des Folgejahres geführt.

Es konnten aber keine Dokumente gefunden werden, die sich auf den Aufenthalt von Friedrich II. im Juni 1755 in Minden bezogen. Gut dokumentiert ist dagegen der Mindener Aufenhalt des Königs im Jahr 1751:

C 432      1751                        Die Durchreise des Königs und deshalb angewandte Kosten.

Beim Besuch des Archives ergab sich auch die Möglichkeit eines Gespräches mit Hans Nordsiek. Auf die oben angeführte fehlerhafte Datierung des Aufenthalts von Friedrich II. angesprochen, konnte er keine stichhaltige Begründung liefern, warum er diese so vorgenommen hatte. Offensichtlich handelt es sich wirklich nur um einen Schreibfehler.

Nach seinem Amtsantritt im Jahr 1740 stattete Friedrich II. der Stadt Minden mehrfach seinen Besuch ab. Am 17. September 1740 kam er auf dem Weg von Rheine nach Potsdam durch Minden und besichtigte auf dem dortigen Schweinebruch das Beaufortsche Regiment. Danach setzte er seine Reise über Bückeburg nach Coppenbrügge fort.  „Gleich nach der Huldigung in Berlin (1740, V. P.) trat Friedrich II. eine Reise nach Westfalen an. Er schickte den Obert von Walrabe und den Leutnant Koch vorauf, welche die Festungswerke Mindens untersuchen sollten. Als dies geschehen war, bereisten beide mit Deputierten der Kriegs- und Domänenkammer die Weser. Am 19. August kam der Fürst Leopold von Dessau nach Minden, nahm am nächsten Tage die parade ab und besichtigte sowohl die Hauptwache als das Magazin. In den folgenden Tagen passierten die königlichen Prinzen Leopold und Heinrich, das königliche Gefolge und der Markgraf von Schwedt die Stadt und gingen nach dem Rheine, wohin sich Friedrich II. auf einem Umwege durch Süddeutschland begeben hatte. Erst auf der Rückreise von Rheine kam der König nach Minden; er langte daselbst am 17. September an und ließ auf dem Schweinebruche das Beaufortsche Bataillon ohne Gewehre vorführen, worauf er ohne Aufenthalt seine Reise nach Bückeburg nach Coppenbrügge fortsetzte.“ (Schroeder, S. 638 f.) „Im August 1742 traf Friedrich II. Anstalten, um eine Reise nach Aachen zu unternehmen, wo er die warmen Bäder benutzen wollte. Die königliche Garde passierte Minden am 19. August, ihr folgte drei Tage später der König, der am 22. mit den Prinzen Heinrich und Ferdinand nachmittags 5 Uhr in Minden anlangte, auf dem Werder vor dem Weserthore das Beaufortsche Bataillon inspizierte und dann bei dem Oberst von Beaufort abstieg. Am nächsten Tage fuhr er nach Hamm weiter. Auch auf der Rückreise berührte er am 9. September Minden wieder.“ (a.a.O., S. 640). Im Frühjahr 1744 hielt sich Friedrich II. in Pyrmont auf. „Auf seiner Reise nach Pyrmont“, so Schroeder, „berührte Friedrich II. Minden nicht, doch wurden die Viktualien für die königliche Küche von Minden nach Pyrmont geliefert.“ (a.a.O., S. 641) Im Jahr 1746 war der König erneut in Pyrmont. „Vom 16. Mai bis zum 8. Juni weilte derselbe in Pyrmont, und wurden die Viktualien für die Hofküche von Minden geliefert.“ (a.a.O., S. 643) Ein weiterer Besuch von Friedrich II. fiel in das Jahr 1751. „Auf seiner Inspektionsreise nach Westfalen und den Rheinlanden traf Friedrich II. am 9. Juni des genannten Jahres in Minden ein, begleitet von den Prinzen Heinrich und Ferdinand. Er stieg bei dem Oberst von Wutginau ab und besichtigte am nächsten Morgen 6 Uhr das Bataillon desselben, welches ihm wohl gefiel; dann reiste er in der Richtung ab Bielefeld wieder ab. Bei seiner Rückkehr passierte er Minden am 22. Juni, machte aber daselbst nicht Halt, sondern fuhr nach Bückeburg, wo er Graf Wilhelm besuchte. Sechs Tage später kam Prinz Ferdinand nach Minden und stieg bei dem Präsidenten von Massow ab.“ (a.a.O., S. 644 f.)

Nach 1755 war der König noch zwei Mal in der Stadt, so am 4. Juni 1763 und am 6. Juni 1768.

Prof. Dr. Wilhelm Schroeder (1845-1912) war Gymnasiallehrer in Minden und betätigte sich als Historiker. Die von ihm verfasste Darstellung der Geschichte von Bistum und Stadt Minden basiert offensichtlich auf der Mindener Stadtchronik. Gemäß einer Verordnung der Regierung Minden vom 12. Dezember 1817 über die Führung von Ortschroniken wurde die Stadtchronik Minden seit dem 1. Januar 1818 vom Bürgermeister oder einem städtischen Beamten nach vorgegebenem Schema geführt. Der erste Band der Stadtchronik beginnt mit Geschichtszahlen von 1062 bis 1759, berichtet dann rückschauend von 1801 bis 1817 und setzt 1818 mit der zeitgenössischen Aufzeichnung ein. (Vgl. Kommunalarchiv Minden, Archiv der Stadt Minden und des Kreises Minden Lübbecke. Geschichte, Bestände, Sammlungen. Herausgegeben von Hans Nordsiek, Minden 1993, S. 255). Zu den Veröffentlichungen des Stadtarchivs siehe auch: Nordsiek, Hans: The Principality of Minden as a Prussian Province. In: Nolte, Hans-Heinrich (Hrsg.): Internal Peripheries in European History, Göttingen 1991, S. 133-151 (= Zur Kritik der Geschichtsschreibung, Bd. 6).

[17] Vgl. Schroeder, S. 646.

[18] Vgl. Nordsiek, Hans, a.a.O., S. 17.

Nordsiek führt als Beleg für seine Aussagen an: Kommunalarchiv Minden: Stadt Minden C, Nr. 430, Bl. 5 ff.. Die sieben Bürger, die es hart getroffen hatte und in deren Bettwäsche der König und seine Gefolge nächtigten, waren Harten, Schöne, Witwe Rodenbeck, Deppe, Witwe Bünthe, Hempel und Honemann.

Der Bestand „Stadt Minden C“ im Kommunalarchiv Minden enthält Akten und Amtsbücher der Stadt aus den Jahren 1723 bis 1807. Insgesamt sind es 1897 Aktenbände. Von Interesse für die Suche nach Dokumenten, die den Aufenthalt von Friedrich II. im Juni 1755 in Minden betreffen, könnten die 47 Bände „Landes- und Hoheitssachen“ sein. Sie enthalten „Landesherrliche Edikte und Publikande, Reskripte und Magistratsberichte, königliche Familie und Huldigungen“. Da aber weder weder Schroeder noch Nordsiek in ihren Arbeiten Archivquellen nannten, ist es möglich, dass keine existieren oder sich in den anderen Bänden des Bestandes verstecken, die sich wie folgt untergliedern: Stadtverfassung und –verwaltung (115 Bände); Die Stadt und ihre Einwohner (414 Bände); Polizeiwesen (155 Bände); Wohlfahrtsangelegenheiten (508 Bände); Städtisches Bauwesen (78 Bände); Städtische Ländereien und Forsten (119 Bände); Mühlensachen (32 Bände); Weser und Bastau (71 Bände); Jagdgerechtigkeite (4 Bände); Geistliche Angelegenheiten (86 Bände); Städtisches Finanzwesen (163 Bände); Katastersachen (84 Bände); Gerichtssachen (21 Bände). (Vgl. Kommunalarchiv Minden, Archiv der Stadt Minden und des Kreises Minden Lübbecke. Geschichte, Bestände, Sammlungen. Herausgegeben von Hans Nordsiek, Minden 1993, S. 193 f.)

[19] Bisher ausgewertete Arbeiten: Schubart, Heinrich Wilhelm: Topographisch-historisch-statistische Beschreibung der Stadt Bielefeld, Bielefeld 1835. Schubart vermerkt, dass das Capitel zu Bielefeld 1740 dem neuen König Friedrich II. die Huldigung verweigern wollte. „König Friedrich aber befahl den Huldigungscommissarien von den Capiteln zu Bielefeld und Herford, wie auch von der Priesterschaft in diesen Städten und auf dem Lande, den Handschlag an Eides statt zu Angelobung ihrer schuldigen Treue und ihres Gehorsams anzunehmen, weil er nicht hoffen wolle, dass sich Jemand darunter finden würde, der sich weigern sollte, sich solcher Gestalt zu Treue und Gehorsam verbindlich zu machen… Im August 1742 reiste König Friedrich durch Bielefeld nach Aachen, das dortige Bad zu gebrauchen.“ (a.a.O., S. 36)

[20] Die Sparrenburg war in der Mitte des 13. Jahrhunderts von den Grafen von Ravensberg angelegt worden. Nach mehreren Zerstörungen und wiederholtem Aufbau sind heute die Kasematten und Bastionen des 16. Jahrhunderts (Rondelle 1536, spitze Bastion 1556 von Alexander Pasqualini) besonders eindrucksvoll. Der Bergfried, im Kern noch mittelalterlich, wurde ab 1879 weitgehend erneuert. (Der Stammsitz der Grafen von Ravensberg war die Burg Ravensberg bei Halle in Westfalen.) ?????

[21] Die Behördenorganisation und die allgemeine Staatsverwaltung Preußens im 18. Jahrhundert. Zehnter Band. Akten vom Januar 1754 bis August 1756, Berlin 1910, S. 289, Anm.1.

[22] Der Verfasser dieser Arbeit besuchte am 16. Juli 2002 die Stadt Lingen und dabei auch das dortige Stadtarchiv. Eine Durchsicht des Findbuches ergab nachfolgend aufgeführte Aktenbestände, die im Zeitpunkt des Aufenthaltes von Friedrich II. in Lingen lagen:

  1. Allgemeine Verwaltung auch Auftragsangelegenheiten
  2. Zeitungsberichte

Akte Nr. 974          Zeitungsberichte                                     1744-1762

Akte Nr. 978          Zeitungsberichte                                     1747-1762

Akte Nr. 1024        Durchführung der Edikte                       1755

III. Finanzverwaltung

Akte Nr. 1052        Kämmereietat der Stadt Lingen             1724-1768

Akte Nr. 1251        Stadtrechnungen                                     1754-1755

Akte Nr. 1252        Stadtrechnungen                                     1755-1756

Akte Nr. 1612        Wegegelder                                            1755-1758

Akte Nr. 1613        Die Einrichtung der hiesigen Passagierkollekte 1755-1802

Akte Nr. 1833        Einquartierungssachen                           1755-1761

XII. Polizeisachen

  1. Allgemeine Polizeiverfügungen

Akte Nr. 2875        Ergreifung verdächtiger Personen         1754-1757

 

  1. Post und Telegraphie

Akte Nr. 3573        Postangelegenheiten                               1748-1756

Akte Nr. 3574        Die Einrichtung des Postwesens           1751-1809.

 

Begutachtet wurde auch nachfolgender Bestand:

  1. Allgemeine Verwaltung auch Auftragsangelegenheiten
  2. Landesherrliche Hoheitssachen.

Darin fand sich jedoch kein Dokument, das sich auf das Jahr 1755 bezog.

Da der Leiter des Archives, Dr. Ludwig Remling, gerade in Urlaub war, konnte nur mit dem Mitarbeiter des Stadtarchives, Ulrich Brinker, gesprochen werden. Dieser gab zur Auskunft, dass seines Wissens nach keine Akten zum Aufenthalt von Friedrich II. in Lingen wären. Nach seiner Meinung müssten Unterlagen, sofern es welche gab, im Landesarchiv Hannover zu finden sein. Eine Sichtung der erfassten und oben angeführten Akten wurde deshalb (und aus Zeitgründen) nicht vorgenommen.

Auch ein Besuch im Emslandmuseum Lingen führte nicht weiter. Das 1025jährige Jubiläum der Stadt im Jahr 2000 war für das Museum und den Heimatverein Lingen (Ems) Anlass für die Herausgabe einer Broschüre mit dem Titel „Zeugnisse Lingener Geschichte“. Im Abschnitt „Lingen in preußischer Zeit (1702 – 1806)“ heißt es: „Nach dem Tode Wilhelms III. von Oranien 1702 erbte sein Verwandter, König Friedrich I. von Preußen, die Grafschaft Lingen. 1707 erwarb er zudem die Grafschaft Tecklenburg, so dass die alte Grafschaft nun – unter preußischer Herrschaft – wieder vereint war. Lingen wurde zum Sitz der tecklenburgisch-lingenschen Regierung.

Anders jedoch als die größeren Westprovinzen Kleve-Mark oder Minden-Ravensberg blieb Tecklenburg-Lingen für Preußen eine strategisch und wirtschaftlich unbedeutende Besitzung. Die Preußen zogen hier ihre Steuern ein und kümmerten sich ansonsten wenig um den Landesausbau.

Gegen erhebliche Geldzahlungen erhielten die Katholiken 1717 die Erlaubnis zum Bau einfacher Notkirchen am Rande der Dörfer. Die Reformierten wurden weiterhin bevorzugt. Bald entstand auch eine lutherische Gemeinde, da viele preußische Bedienstete lutherischer Konfession nach Lingen kamen. Von den gefürchteten Soldatenrekrutierungen der Preußen konnte sich die Grafschaft Lingen 1748 für jährlich 5000 Taler freikaufen.

In ihrer über hundertjährigen Herrschaft haben die Preußen kaum Spuren in der Stadt und der Grafschaft Lingen hinterlassen. Mit der Einverleibung der Region in das französische Staatsgebiet unter Napoleon endete vorerst die preußische Landeshoheit über die alte Grafschaft Lingen.“ (Eiynck, Andreas (Hrsg.): Zeugnisse Lingener Geschichte. Eine Übersicht zu 1025 Jahren Entwicklung der Stadt Lingen (Ems), Lingen (Ems) 2000, S. 33 f.

Die Bedeutung Lingens bestand aber vor allem darin, dass die Stadt am Schnittpunkt wichtiger Verkehrsweg lag. „Die Ems als natürliche Wasserstraße und die parallel zum Fluß verlaufende ´Friesische Straße` verbanden Westfalen mit Friesland und der Nordsee. … An der Lingener Fähre kreuzte die Ems die ´Flämische Straße`, die von Norddeutschland über Bremen und Lingen nach Flandern führte.“ (Ebenda, S. 8 f.)

[23] „Kammerpräsident Lentz an Borcke. Emden, 16. Juni 1755.” In: Die Behördenorganisation und die allgemeine Staatsverwaltung Preußens im 18. Jahrhundert. Zehnter Band. Akten vom Januar 1754 bis August 1756, Berlin 1910, Dokument Nr. 164, S. 289-291.

Während der Anwesenheit Friedrichs II. in Emden überreichte ihm Christoph Friedrich von Derschau, Präsident der ostfriesischen Regierung, zwei Projektvorschläge. Der eine betraf die Einrichtung des Armenwesens in Ostfriesland, der andere die Herabsetzung des Zinsfußes von 5 auf 4 Prozent. Friedrich reichte die Angelegenheit per Cabinetsordre, erlassen zu Wesel am 18. Juni 1755, dem Kammerpräsidenten von Jariges zur Begutachtung weiter. (Vgl. ebenda, S. 291, Anmerkung 1).

[24] Werthern, Albrecht Freiherr von: Fürstliche Besuche in Wesel. Ein Rückblick auf fünf Jahrhunderte. Zweites Heft, Wesel (Verlag Finke & Mallinckrodt) 1899, S. 121.

Das Erste Heft der Schrift von Wertherns erschien 1898 und das Dritte Heft 1899.

[25] Eine in der Kommandantur in Wesel – der vormaligen, im Jahr 1417 erbauten Hezogl. Kleve`schen „Hoffstätte“, später „Fürstenhof“ und „Königshof“ genannt – angebrachte Gedenktafel vermerkte die Besuche von Mitgliedern des Brandenburgisch-Preußischen Herrscherhauses in der Stadt. Danach war Friedrich II. als König zu folgenden Zeiten in der Stadt gewesen:

1740               29. August bis 8. September

  • August und am 7. September
  • bis 20. Juni
  • bis 19. Juni
  • bis 10. Juni
  • bis 13. Juni

Abgedruckt in: Werthern, Albrecht Freiherr von: a.a.O., Erstes Heft, Wesel 1898, Anlage.

So oft, wie sich Friedrich II. in Wesel aufgehalten hat, ist es doch erstaunlich, dass diese Besuche keine Erwähnung in den zur Stadtgeschichte verfassten Arbeiten fanden. Ausgewertet wurden bislang: Gantesweiler, P. Th. A.: Chronik der Stadt Wesel, Wesel 1881; Prieur, Jutta (Hrsg.): Geschichte der Stadt Wesel, Bd. 1, Düsseldorf 1991; Prieur, Jutta (Hrsg.): Stadt und Festung Wesel. Beiträge zur Stadtgeschichte der frühen Neuzeit, Wesel 1998. Bei einem Besuch des Autors dieser Studie im Stadtarchiv Wesel am 17. Juli 2002 konnte dieses Phänomen nicht geklärt werden. Als Möglichkeit wurde gesehen, dass die Stadt in die Besuche kaum involviert gewesen sein wird und deshalb durch diese keine Schriftstücke darüber angelegt worden seien. Von Werthern vermerkt in oben zitierter Schrift, dass er für seine Arbeit folgende im Königlichen Staatsarchiv in Düsseldorf eingelagerte Akten ausgewertet hatte: Senatsprotokollbuch und andere Akten des Archivs der Stadt Wesel.

Gesichtet wurden vom Autor dieser Studie folgende Akten des Stadtarchivs Wesel:

A: Akten, Protokolle, Rechnungen und Amtsbücher 1349 bis 1814

A 1 Magistratsregistratur I

Capsel 12               Ankunft hoher Persönlichkeiten             1506-1877 (5)

Caps. 12, Nr.1        Ankunft des Landesherrn und hoher Persönlichkeiten          1506-1799

Caps. 12, Nr. 2       Ankunft des Königs (mit bezüglichen Drucksachen und Zeichnungen)              1788-1799

Capsel 303             Zeitungsbericht       1723- 1847 (17)

Caps. 303, Nr. 3                                     Monatliche Zeitungsberichte  1751-1757.

In Caps. 12, Nr. 1, sind Dokumente zum Aufenthalt von Friedrich II. in Wesel vom 17. bis 20. Juni 1751 enthalten. Dann aber erst wieder ab 1790. In den anderen beiden Akten wurden keine entsprechenden Dokumente gefunden.

[26] Von Werthern schreibt dazu: „In jenen Tagen machte er (Friedrich II., d. Verf.) wieder die Bekanntschaft eines berühmten französischen Gelehrten, des d`Alembert, des größten Mathematikers und Philosophen seiner Zeit, welchen er dorthin eingeladen hatte. Der König ward so sehr von ihm eingenommen, dass er ihm wiederholt dringend zusetzte, in seinen Dienst zu treten. Aber d`Alembert trat zwar in Briefwechsel mit dem König, den er aufrichtig verehrte – einen Briefwechsel der Perlen der Weisheit, Verstand und Gemüth von Seiten beider Philosophen auf die Nachwelt überliefert hat – und war häufig als Gast in der Nähe des Königs, sowohl am Hofe, wie im Felde, ließ sich aber nicht dauernd fesseln.“ (a.a.O., S. 122.)

[27] Mentzel, Alexander: Der Philosoph d`Alembert bleibt unabhängig. In: Gestalten um Friedrich den Großen. Biographische Skizzen, Band 1, Reutlingen 1993, S. 136 f.

[28] Geschichte Friedrichs des Grossen. Geschrieben von Franz Kugler. Gezeichnet von Adolph Menzel, Köln 1988, S. 280.

[29] Geschichte Friedrichs des Zweiten genannt Friedrich der Große von Thomas Carlyle. In sechs Bänden, Bd. IV, Berlin 1917, S. 472.

[30] Droysen, Hans, a.a.O.

[31] Zur Person von Glasow erfahren wir bei Heinrich Ludwig Manger: „Glasow, eines Feuerwerkers Sohn aus Berlin. Sein Vater kam nachheur als Zeuglieutenant nach Brieg in Schlesien, nahm ihn mit dahin, und gab ihn, vermuthlich weil er nicht gar folgsam war, unter das daselbst in Garnison stehende Infanterieregiment v. Hautcharmoy. Hier sahe ihn König Friedrich der Zweyte 1755 und nahm ihn mit nach Potsdam, wo er ihn zum Hofhusaren machte und mit einer besondern ganz rothen Uniform auszeichnete. Im Jahre 1756 kurz vor dem Ausmarsche, als Fredersdorff krank, und der Kammerdiener Anderson in Ungnade war, machte der König Glasow zum Kammerdiener, vertraute ihm seine Schatulle an, von der zuweilen auch Gelder an die Baukasse assigniret wurden und erzeigte ihm große Gnade. Allein im folgenden 1757sten Jahre, ward er wegen überwiesener Treulosigkeit und Verrätherey gegen den König von Dreßden aus nach der Festung Spandau ins Gefängniß gebracht, wo er bereits 1758 starb.” (Manger, Heinrich Ludwig, Baugeschichte von Potsdam, besonders unter der Regierung König Friedrichs des Zweiten. Dritter Band, Berlin und Stettin 1790, S. 650 f.)

[32] Backschat, Friedrich: Joachim Ludwig Heydert, ein Hofgärtnerleben unter Friedrich dem Großen. Nach Heyderts eigenhändigen Aufzeichnungen. In: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Potsdams, Neue Folge7.4. (1937), S. 292.

[33] Ebenda.

[34] Ebenda.

[35]Carlyle, Thomas, a.a.O., S. 472.

[36] Ebenda.

[37] Werthern, Albrecht Freiherr v.: Fürstliche Besuche in Wesel. Ein Rückblick auf fünf Jahrhunderte. Zweites Heft, a.a.O., S. 122.

[38] Geschichte Friedrichs des Grossen. Geschrieben von Franz Kugler. Gezeichnet von Adolph Menzel, Köln 1988, S. 281.

[39] „254. Lairesse. 21. Ein Opfer an Flore. Ein kleines Gemählde, durch Gerhard Lairesse auf Leinewand gemahlet.” (Oesterreich, Matthias, Beschreibung aller Gemälde, Antiquitäten, und anderer kostbarer und merkwürdiger Sachen, so in denen beyden Schlößern von Sans-Souci, wie auch in dem Schloße zu Potsdam und Charlottenburg enthalten sind, Berlin 1773, S. 54). In der Fußnote dazu vermerkt er auf der gleichen Seite: “Dieses Gemälde war sonst in dem Braamkampschen Cabinette zu Amsterdam, und ist in dem Catalogo No. 104.” Zur Person von Lairesse schreibt Oesterreich: “In dem Leben des Lairesse ist gesagt worden, daß er mit großem Fortgange für den Churfürsten von Brandenburg, von dem er freygebig belohnet worden, gearbeitet habe. Er ward 1640 zu Lüttich gebohren, und starb 1711 zu Amsterdam; alle Liebhaber und Künstler bedauerten ihn gar sehr, indem sie ihn für einen Mahler hielten, der große Verdienste besäße, und gründliche Kenntnisse in denen schönen Künsten hätte. Es hat derselbe auch über die Zeichnung und Mahlerey ein Werk geschrieben, so für junge Künstler von einem großen Nutzen ist.” (Oesterreich, Matthias, ebenda, S. 88, Anm.*).

Das von Oesterreich als “Ein Opfer an Flore” bezeichnete Gemälde von Gerard de Lairesse wurde bei den Staatlichen Schlössern und Gärten Potsdam-Sanssouci unter verschiedenen Namen erfaßt, “Das Goldene Zeitalter” und das “Fest des Saturn”. Gert Bartoschek schreibt 1983 in einer Broschüre zu den Bildern des Neuen Palais: “Raum 62; 254 G. Lairesse, Das Goldene zeitalter. Lwd. 57:72 cm, GK I 5188. P 122. Bildergalerie” (Bartoschek, Gert: Die Gemälde im Neuen Palais, Staatliche Schlösser und Gärten Potsdam Sanssouci 1983, S. 44.) Götz Eckardt hält 1986 in der Anmerkung zu dem in der Bildergalerie von Sanssouci unter der Nr. 85 registrierten Gemälde “Das Fest des Saturn” – von ihm hinter dem Titel mit einem Fragezeichen versehen – fest: “Leinwand 57:72 cm. Nach 1755 aus der Sammlung Braamcamp (Nr. 104) in Amsterdam erworben. Im Neuen Palais nachweisbar seit 1772, 1788/89-1829 Berliner Schloß, 1829-44 Bildergalerie, 1844-1945 Neues Palais, 1945-58 in der Sowjetunion, seit 1961 Bildergalerie.” (Eckardt, Götz: Die Gemälde in der Bildergalerie von Sanssouci, Potsdam-Sanssouci 1986, S. 45). 1997 erscheint das Gemälde wieder unter dem Titel “Das Goldene Zeitalter”. Im Verzeichnis der in der Bildergalerie zu sehenden Gemälde und Skulpturen heißt es: 86 Gerard de Lairesse: DAS GOLDENE ZEITALTER. Um 1667/70. Leinwand 57 x 72 cm. – 1961. Aus dem Neuen Palais. Erworben aus der Sammlung Braamcamp in Amsterdam (GK I 9997)” (Bartoschek Gert/Hünicke, Saskia: Bildergalerie Sanssouci. Gemälde und Skulpturen, Stiftung Preussische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg 1997, S. 22)

[40] “255. Rothenhammer. 22. Die freien Künste, ein kleines Cabinetsstück. Die Landschaft ist durch Breugel gemahlet.”, Oesterreich, Matthias, ebenda. In der Fußnote dazu heißt es: “Es ist auch aus der Braamkampschen Sammlung, und stehet im Catalogo No. 189.” Zum späteren Schicksal dieses Bildes vermerkt Gert Bartoschek 1983: Raum 62; 255 J. Rottenhammer (und J. Brueghel d. Ä.), Die freien Künste. Kupfer 28:21 cm. StM 690, “Westberlin, Gemäldegalerie Dahlem.” (Bartoschek, Gert: Die Gemälde im Neuen Palais, a.a.O.)

[41] “256. Rothenhammer. 23. Eines der schönsten Cabinetsstücke von demselben Meister, es stellet selbiges den Mars und die Venus vor.”, Osterreich, Matthias, ebenda. Die Fußnote hält dazu fest: “Ist ebenfalls aus der Braamkampschen Sammlung, N. 188. des Catalogi. Diese Sammlung wurde den 31. Julius 1771 öffentlich verkauft.” Zum späteren Schicksal dieses Bildes hält Gert Bartoschek 1983 fest: “ Raum 62; 256 J. Rottenhammer, Mars und Venus in der Schmiede des Vulkan. Kupfer 61:44 cm. GK I 5123. P 219. Seit 1945 verschollen.” (Bartoschek, Gert: Die Gemälde im Neuen Palais, a.a.O.)

[42] Backschat, Friedrich, a.a.O., S. 292 f.

[43] Ebenda, S. 292.

[44] Ebenda.

[45] Ebenda, S. 293.

[46] Ebenda.

[47] Ebenda, S. 291 f.

[48] Ebenda, S. 293 bis 297.

“Der Besuch Tulpenburgs fand am Sonntag, dem 22. Juni statt. Am darauffolgenden Dienstag kamen wieder Fremde und mit ihnen der Schiffer, der den König mit der Schuite nach Utrecht gefahren hatte. Er begleitete die Fremden in den Garten, um Frau Heydert zu erzählen, daß der angebliche Musikus der König von Preußen sei. Voll Stolz erwähnte er noch, er habe eine Wein-Bouteille und den Teller, von dem der König Kirschen gegessen habe, sich ausgebeten, und diese Stücke, sollten als Andenken in seiner Familie bleiben.” (Ebenda, S. 297).

[49] Carlyle, Thomas, a.a.O., S.

[50] Geschichte Friedrichs des Zweiten genannt Friedrich der Große von Thomas Carlyle. In sechs Bänden, Bd. IV, Berlin 1917, S. 472 bis 475.

Die von Thomas Carlyle verfaßte Geschichte Friedrichs des Zweiten wurde ab 1858 veröffentlicht. 1851 hatte er mit der Geschichte Friedrichs des Großen begonnen; sie nahm ihn von da ab 14 Jahre lang völlig in Anspruch. “Er bedurfte seiner ganzen gewaltigen Energie, um über die vielen persönlichen und sachlichen Schwierigkeiten hinweg das Werk zu Ende zu führen. Den Stoff, den er zu bewältigen hatte, war an sich schon sehr umfangreich und schwoll dadurch noch mehr an, daß aus der Geschichte Friedrichs eine Staaten- und Kulturgeschichte des 18. Jahrhunderts wurde. Zudem waren die deutschen gedruckten Quellen, auf deren Benutzung sich Carlyle hauptsächlich angewiesen sah, da er auf die Durchforschung der deutschen Archive verzichtete, zum großen Teil recht mangelhaft. Brauchbare kritische Vorarbeiten fand Carlyle nur in den ´Zwölf Büchern preußischer Geschichte` von Ranke und in den biographischen Arbeiten von Preuß. Um nach Quellen zu forschen und die Stätten zu sehen, wo Friedrich geweilt und seine Schlachten geschlagen hatte, unternahm Carlyle zweimal (1852 und 1858) eine Reise nach Deutschland. Beide Male begleitete ihn ein deutscher Verehrer, Neuberg, der dann später die ersten vier Bände der Geschichte Friedrichs ins Deutsche übersetzt hat. … Im Jahre 1858 erschienen die ersten beiden Bände; aber bis die Arbeit vollendet vor ihm lag, hatte Carlyle noch viele Mühseligkeiten durchzukosten. … Von welcher inneren Qual er befreit wurde, als er im Januar 1865 die Feder beiseite legen konnte, läßt uns seine Tagebuchaufzeichnung ahnen: ´Die ermüdende Aufgabe, die Leiden und Hindernisse, die sie begleiteten, ein wahres Magazin von Verzweiflung, Unmöglichkeiten und mir allein bekannten unvergeßlichen Schwierigkeiten waren jetzt vorüber, eingeschlossen und der Schlüssel umgedreht.`” (Linnebach, Karl, Einleitung. In: Friedrich der Große von Thomas Carlyle. Ausgewählt und eingeleitet von Karl Linnebach, Berlin 1920, S. 17 f.) Fast zeitgleich mit der englischen Ausgabe des Werkes von Carlyle erschien auch die deutsche Übersetzung. 1874 wurde dem Autor für sein Werk vom Deutschen Kaiser der Orden “por le Mérite” verliehen.

Was Henri de Catt anbelangte, so schien Carlyle keine Zweifel an der Glaubwürdigkeit von dessen Darstellung über seine Begegnung mit Friedrich II. zu haben. “Von diesem ehrlichen Henri de Catt”, schrieb er, “den der König bei diesem Zusammentreffen liebgewann und bald nachher zu sich einlud und endlich als ´Lecteur du Roi` anstellte, werden wir ferner hören. Er verrichtete von 1757 an über zwanzig Jahre lang treu und gut, was de Prades gegenwärtig geräuschvoller tut, des alten d`Argets Funktionen – hinterließ ein Notizbuch über den König, das sich seit neuerer Zeit im preußischen Staatsarchiv befindet, und das wohl ohne Schaden und sogar mit Nutzen veröffentlicht werden dürfte, aber bisher nicht veröffentlicht worden ist.” (Geschichte Friedrichs des Zweiten genannt Friedrich der Große von Thomas Carlyle, a.a.O., S. 475)

Hans Leuschner macht dagegen Bedenken geltend, wenn er schreibt. Er schreibt: “Die Bedeutung dieses Vorlesers liegt in seinen aus Tagebüchern, Memoiren und anderen Quellen zusammengestellten Aufzeichnungen aus seiner Zeit mit dem König im Siebenjährigen Krieg. Sie umfassen den Zeitraum von März 1758 bis Juli 1762, wobei die eigentlichen Tagebücher – auch die hat Catt später ergänzt, umgestellt und stilistisch überarbeitet – nur bis in den August 1760 reichen. Der Quellenwert ist zwar durch die nachträglichen Modifikationen und Zusätze eingeschränkt, dennoch geben die Aufzeichnungen des Chronisten, dem redlichkeit nicht abgesprochen werden kann, die Gemütszustände Friedrichs II. in der wohl qualvollsten Phase seiner Herrscherkarriere mit einiger Genauigkeit wieder.” (Leuschner, Hans: Friedrich der Grosse. Zeit-Person-Wirkung. Mit einem Essay von Karl Erich Born, Gütersloh 1986, S. 64)

[51] Geschichte Friedrichs des Grossen. Geschrieben von Franz Kugler. Gezeichnet von Adolph Menzel, Köln 1988, S. 281 f.

[52] Gespräche Friedrichs des Großen mit Henri de Catt, Leipzig 1885, S. 1 bis 4. Diese Fassung ist auch enthalten in: Der König Friedrich der Große in seinen Briefen und Erlassen, sowie in zeitgenössischen Briefen, Berichten und Anekdoten. Mit biographischen Verbindungen von Gustav Mendelssohn Bartholdy, Ebenhausen bei München 1912, S. 269 bis 272.

[53] Hier gibt es jedoch einen Widerspruch. Nach Schroeder „Chronik des Bistums und der Stadt Minden“, Minden 1886, S. 646, soll sich Friedrich II. über Nacht vom 23. zum 24. Juni 1755 in Minden aufgehalten haben. Schroeder schreibt: „Von Emden aus machte er (Friedrich II., V.P.) eine Inkognito-Reise durch die benachbarten holländischen Provinzen bis nach Amsterdam und kehrte über Wesel nach Minden zurück. Hier blieb er über Nacht und reiste am 24. Juni nach Potsdam ab.“

[54] In den bislang ausgewerteten Darstellungen zur Geschichte der Stadt Hameln sind keinerlei Hinweise enthalten, dass sich Friedrich II. jemals in der während seiner Regierungszeit zum Hause Hannover gehörenden Stadt und Festung aufgehalten hat. Seine Besuche in dem unweit Hamelns gelegenen Bad Pyrmont sind dagegen durch Akten aus dem Kommunalarchiv Minden belegt. Ausgewertet wurden bislang folgende Arbeiten:

„Geschichte der Stadt Hameln, bearbeitet von Fr. Sprenger, zweitem Stadtprediger in Hameln“, Hannover 1826; Karwiese, Erich: Die Festung Hameln. 1618-1806, Hameln und Leipzig um 1911; „Geschichte der Stadt Hameln. In Verbindung mit zahlreichen Mitarbeitern herausgegeben von Heinrich Spanuth“, Hameln 1939; „Geschichte der Stadt Hameln. In Verbindung mit einem Mitarbeiterkreis herausgegeben von Dr. Heinrich Spanuth, fortgeführt von Dr. Rudolf Feige“, Hameln 1963; Ulmenstein, Günther Frhr. V. (Bearb.): Die Stadt- und Landesfestung Hameln, Göttingen 1955 (Schriftenreihe der „Genealogischen Gesellschaft Hameln“ zur Geschichte der Stadt Hameln und des Kreises Hameln-Pyrmont. Herausgegeben von Hans-Georg Bleibaum in Hameln, Heft 8).

[55] Friedrich der Grosse. Gespräche mit Catt. Verdeutscht und herausgegeben von Willy Schüßler, Leipzig 1940, S. 4 f.;

[56] Poseck, Ernst: Die Kronprinzessin Elisabeth Christine, Gemahlin Friedrichs des Großen, Berlin 1940, S. 206.

[57] Ebenda, S. 210 f.

[58] Die Beschreibung der Hochzeitsfeierlichkeiten wurde entnommen: Rieger, Günter: Elisabeth Christine. Gattin Friedrichs II. von Preussen, Berlin und Karwe 1999, S. 20 bis 22. Rieger stützte sich auf das Standardwerk von Ernst Poseck, siehe Anm. 5. Folgende Abbildungen sind in der Broschüre dazu enthalten: Selbstbildnis der Kronprinzessin Elisabeth Christine, 1738, Schloß Rheinsberg; Holzstich nach einer Zeichnung von Adolph Menzel aus Kuglers “Geschichte Friedrichs des Großen”; Die Hochzeit in Salzdahlum. Kupferstich von Georg Friedrich Schmidt. 1733; Elisabeth Christine. Holzstich nach einem Gemälde von Antoine Pesne; Kronprinzessin Elisabeth Christine. Gemälde von Antoine Pesne, gemalt am 7. März 1938

[59] Schnitter, Helmut: Die ungeliebte Gattin Elisabeth Christine. In: Gestalten um Friedrich den Großen. Biographische Skizzen, Band 1, Reutlingen 1993, S. 84 f.

© GeschichtsManufaktur Potsdam, 22. Juni 2025

Von admin

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