1712 erschien eine in Leipzig gedruckte und von Johann Christian König, Buchhändler in Goslar, herausgegebene 702 Seiten umfassende Quellenedition. Ihr Titel „Antiqvitates Qvedlinburgenses, Oder Keyserliche Diplomata, Päbstliche Bullen , Abteyliche und andere Uhrkunden von dem Keyserlichen Freyen Weltlichen Stiffte Qvedlinburg: Sampt einigen alten Siegeln und Nachrichten so hiezu dienlich. Aus den Abteylichen und Pröbsteylichen Archiv zusammen getragen von  D. Friderich Ernst Kettner“.

Unter den in dem Werk enthaltenen Dokumenten befand sich auch ein Schriftstück, das Kettner nicht so bedeutsam erschienen sein mag. Für die Stadt Potsdam wurde es jedoch zu einer wahren Offenbarung. Enthielt doch die am 3. Juli 993 von König Otto III. unterzeichnete Schenkungsurkunde den Hinweis auf eine Örtlichkeit namens „Potzdupimi“, die Interpreten der Urkunde auf die Stadt Potsdam bezogen und der heutigen Hauptstadt des Landes Brandenburg damit eine nunmehr 1010-jährige Existenz bescheinigten.

Friedrich Ernst Kettner (1671 – 1722)

Friedrich Ernst Kettner, Konsistorialrat, Superintendent  sowie Past. Prim. der Kirche St. Benedict in Quedlinburg und Inspektor des dortigen Fürstlichen Gymnasiums, war wissenschaftlich und publizistisch zu diesem Zeitpunkt kein Unbekannter mehr. Vor allem arbeitete er nicht isoliert, sondern hatte Kontakt zu großen wissenschaftlichen Persönlichkeiten seiner Zeit bzw. wurde von diesen in seinem Tun beobachtet. Neben Nicolaus Hieronymus Gundling wäre hier u.a. Gottfried Wilhelm Leibniz zu nennen. Selbst mit dem Erzbischof von Canterbury, William Loyd, korrespondierte er.

Friedrich Ernst Kettner wurde am 21. Januar 1671 in Stollberg in Sachsen geboren. Er war das zweite Kind von Friedrich Kettner und dessen Frau Maria Magdalena. Zwei Brüder und zwei Schwestern hatte Friedrich Ernst. Namentlich bekannt sind Friedrich Gottlieb (gest. 1739) und Friedrich Benedict. Beide wurden Geistliche, ersterer in Magdeburg, der andere in Leipzig. Kettners Vater war am 24. September 1645 als Sohn des Pastors Hermann Kettner in Stollberg geboren worden. Er studierte in Leipzig und Wittenberg, erwarb den Baccalaureus Theologia und veröffentlichte zahlreiche Schriften[1]. Die Großeltern, mütterlicher- wie väterlicherseits, gehörten zu den Honoratioren Stollbergs. Der Vater der Mutter, Ernst Hoeckner, gehörte dem Stadtrat an und war ein geachteter Kaufmann. Der Großvater, Hermann Kettner, in Chemnitz geboren, wirkte von 1647 bis 1675 als Pastor in dem Städtchen. Er veröffentlichte zahlreiche Predigten.[2] Über die Großmutter, Catharina geb. Deuerling, war Friedrich Ernst Kettner mit Heinrich Deuerling, Bergwerksdirektor (?) in Altenberg, vor allem aber mit Gottfried Wilhelm Leibniz verwandt. Sie wurde in Leipzig geboren und trat als Verfasserin zahlreicher Schriften zu kirchlichen und religiösen Themen hervor. Catharina Deuerling starb im Alter von 69 Jahren am 20. November 1686 in Chemnitz.[3]
1675 verließen Kettners Stollberg und siedelten nach Leipzig über, wo der Vater bis zu seinem frühen Tod am 14. September 1680 als Diaconus an der Thomaskirche wirkte. Er starb im Alter von nur 35 Jahren an der Pest. Seine Frau, die nicht mehr heiratete und nach 40 Jahren Witwenschaft 1720 (?) verstarb, muss das durch die Epidemie für sie und ihre Familie gefährlich gewordene Leipzig verlassen haben. Jedenfalls ging Friedrich Ernst Kettner nunmehr in Altenburg zur Schule. 1687 nahm er ein Studium an der Universität Leipzig auf und wohnte in dieser Zeit bei Thomas Ittigius. Dieser war ihm nicht nur Gastgeber, sondern auch Erzieher und Wohltäter. Ittigius, gleichzeitig einer der Professoren Kettners am Collegium Philobiblicum – einer Heimstatt der Pietisten (?). 1688 machte Kettner das Baccalaureat in Philosophie und im Al­ter von 18 Jahren erhielt er den Grad und die Ehre eines Magisters. 1694 legte er in Dresden eine kirchliche Prüfung beim höchsten kirchlichen Senat (?) ab und wurde 1695 Informator(d.h., Erzieher) der Prinzessinnen von Weißenfels. Am 16. Mai 1697 erwirbt Friedrich Ernst Kettner an der Universität Jena das Licentiat Theol. (die Erlaubnis zum Einschlagen einer höheren theologischen Laufbahn). Am 10. Sonntag nach Trinitatis wird er in das Amt eines Superintendenten in Eckartsberga eingeführt.
Am 20. Juni 1699 schloss Kettner in Eckartsberga die Ehe mit Rosina Elisabeth von Broke, Tochter des Heinrich Matthias von Broke – Doktor der Theologie und Antistist (Superintendent?) des Herzogtums Altenburg. Die Ehe währte 18 Jahre. Am 8. Januar 1717 verstarb Rosina Elisabeth. Ihr Mann ging am 2. Dezember 1717 einen neuen Ehebund ein. Diesmal mit Maria Sophia Hansen, Tochter von Johann Christoph Hansen – einem Haereditarii und Salinatoris (Salzlagerinhaber?) aus Silldorf (?). Beide Ehen blieben kinderlos.
Der 12. August 1701 ist für Friedrich Ernst Kettner der Tag, wo sich sein künftiges Leben mit Quedlinburg und dem dortigen Freien Weltlichen Stift verband. Die Äbtissin des Stifts, Anna Dorothea ?, berief ihn zum Ober-Hofprediger. Am 18. Sonntag nach Trinitatis wurde er in sein Amt eingeführt. 1703 war er Pfarrer zu St. Benedict und Superintendent sowie Inspector des Fürstlichen Gymnasiums in Quedlinburg. 1709 erwarb er in Jena den Grad eines Doktors der Theologie. Am 24. Juni 1722 erkrankte Friedrich Ernst Kettner sehr schwer. Vier Wochen später, am 21. Juli 1722, schloss er im Alter von 51 Jahren und 6 Monaten  in Quedlinburg für immer die Augen. Um ihn zu ehren, spendete seine Witwe der Kirche von St. Benedict ein Gemälde mit seinem Bildnis.
Tobias Eckhard, Rektor des Fürstlichen Gymnasiums zu Quedlinburg, würdigte seinen Vorgänger mit  einer Be­schreibung von  dessen Leben und Wirken. Friedrich Ernst Kettner, stellte er darin fest, lebe nicht in seinen Kindern weiter, sondern in seinen gelehrten Büchern. Die Liste der von ihm geschriebenen und publizierten Arbeiten ist lang. Abhandlungen zu religiösen und philosophischen Themen kamen ab 1689 u.a. in Leipzig und Jena heraus. Ab 1709 widmete er sich publizistisch auch der Geschichte, in diesem Fall der Historie des Weltlichen Stifts Quedlinburg. Die „Kirchen- und Reformations-Historie des Kayserlichen freyen Weltlichen Stiffts Quedlinburg“ bildete in jenem Jahr den Anfang. Mit dieser Arbeit erregte Kettner die Aufmerksamkeit von Nicolaus Hieronymus Gundling  – Professor an der Universität Halle und Bruder des Hofhistoriographen  von Friedrich I., Jacob Paul von Gundling. In einer wissenschaftlichen Abhandlung setzt sich Gundling mit der Frage auseinander, wer denn die erste Äbtissin des Quedlinburger Stifts gewesen sei. Er war der Meinung, dass es sich um Mathilde gehandelt habe. Kettner hatte in seiner vorstehend genannten Abhandlung den Namen Adelheid favorisiert. Als Reaktion auf diesen Disput verfasste Kettner 1711 die „Dissertatio de prima Abbatissa Quedlinburgensi“ und ließ ihr ein Jahr später die umfassende Quellenedition „Antiqvitates Quedlinburgenses…“ folgen.[4]

1711 nahm Friedrich Ernst Kettner, erstmals nachweisbar, brieflich Kontakt zu Gottfried Wilhelm Leibniz auf. Sechs Briefe sind von ihm bekannt, in denen er den Universalgelehrten um seinen Rat zu Fragen bat, welche die älteste Geschichte Quedlinburgs betrafen. Kettner ließ Leibniz u.a. seine Arbeit zur Kirchengeschichte von Quedlinburg zukommen, mit der Bitte dieselbe durchzusehen und ihm von etwaigen Fehlern Nachricht zu geben. Ein weiterer Brief hatte die erste Äbtissin von Quedlinburg zum Inhalt. Im dritten wurde mitgeteilt, dass Kurfürst Ernst von Sachsen im Jahre 1477, als er Quedlinburg eroberte, die besten Urkunden des Stifts nach Wittenberg habe bringen lassen. In seinem Brief vom 15. Dezember 1711 ging Friedrich Ernst auf seine verwandtschaftlichen Beziehungen zu Leibniz ein und übersandte ihm als Beleg dafür eine Stammtafel. Antwortbriefe von Leibniz sind bislang nicht gefunden worden.[5] Die Arbeit seines Verwandten in Quedlinburg verfolgte er dennoch. In den 1846 erstmals herausgegebenen „Annales imperii occidentis Brunsvicenses“ aus dem handschriftlichen Nachlass von Leibniz findet sich der Hinweis, dass dieser die 1712 herausgegebene Quellenedition von Kettner gelesen und ausgewertet hatte. Unter anderem entnahm er ihr den Wortlaut der darin  veröffentlichten Schenkungsurkunde vom 3. Juli 993. Ohne den Text zu kommentieren.[6]

Am 3. Juli 993 hatte König Otto III. (ab 996 Kaiser) auf seiner Pfalz zu Merseburg eine Urkunde unterzeichnet, mit der er eine durch ihn vorgenommene Schenkung zweier Orte an seine Tante Mathilde, die Äbtissin des Stifts zu Quedlinburg, bestätigte. In wie vielen Exemplaren das Schriftstück ausgefertigt worden war und wo die möglichen weiteren Ausfertigungen später aufbewahrt wurden, ist nicht bekannt. Bis zum Erscheinen der Quellenedition von Kettner im Jahr 1712 wusste offensichtlich auch niemand, dass es das ein solches Dokument überhaupt gab. „Duo loca Potzdupimi et Helmdicta in provincia Havelen vocata et in Insula Chocie in Vizles“, übertrug Friedrich Ernst Kettner Name und Lage der verschenkten Orte aus der von ihm im Stiftsarchiv gefundenen Urkunde.[7] „Havelen“ könnte sich auf Havelberg beziehen, meint er. Übernimmt dann aber doch die von Leibniz in seinen 1707 erschienenen „Scriptores Rerum Brunsvicensium …“ vorgenommene Charakterisierung, wonach die „provincia Havelen“ das Havelland, „ein Pagus der Slaven an der Havel gelegen“ ist.[8] Doch die vorgenommene Verortung im Havelland bleibt, selbst wenn er sich am Ende seines Werkes dahingehend korrigiert, dass aus dem Dokument nicht „in provincia Havelen“ heraus gelesen werden dürfe, sondern „in provincia Hevellon“. Ebenso seien die geschenkten Orte nicht auf der „Insula Chocie in Vizles“ gelegen, sondern „in Insula Chotiemvizles“.[9] Der Frage, welche – 1712 bestehende – Gemeinwesen mit den Schenkungen von 993, „Potzdupimi“ und „Helmdicta“, übereinstimmen könnten, geht er nicht nach.

Anmerkungen

[1] Zur Person v. Friedrich Kettner vgl. Jöcher, Christian Gottlieb: Allgemeines Gelehrten-Lexicon…,Zweyter Theil, Leipzig 1750, Sp. 2076.

[2] Zur Person v. Hermann Kettner vgl. ebenda.

[3] Zur Person v. Catharina Kettner vgl. ebenda, Sp. 2076 – 2077.

[4] Über das Leben von Friedrich Ernst Kettner siehe Eckhard, Tobias: Vita Frider. Ernesti Kettneri, Sanctae Theologiae Doctoris, Serenissimae atqve Reverendissimi Duci Holsato-Slesvicensi, Caes. Liber. AC Secul. Dioeceseos Qvedlinb. Abbatissae a Consiliis sacris, Ordinis sacri Superintendentis, ad D. Benedicti pastoris, Gymnasiiqve Inspectoris longe meritissimi, Quedlinburg 1722.

[5] Vgl. Bodemann, Eduard: Der Briefwechsel des Gottfried Wilhelm Leibniz in der Königlichen öffentlichen Bibliothek zu Hannover. Mit Ergänzungen und Register von Gisela Krönert und Heinrich Lackmann, soweie einem Vorwort von Karl Heinz Weimann, Hildesheim 1966, S. 111.

[6] Vgl. Pertz, Georg Heinrich: Godofr. Wilh. Leibnitii. Annales imperii occidentis Brunsvicenses…, Tom. III, Hannover 1846, S. 589 f.  Ob Leibniz bei der Abschrift der Urkunde aus der Quellenedition Kettners den Namen „Potzdupimi” in „Pozdupini“ abwandelte oder ob es sich hierbei um einen Übertragungsfehler von Pertz handelt, ließ sich bislang nicht feststellen.

[7] Antiqvitates Qvedlinburgenses, Oder Keyserliche Diplomata, Päbstliche Bullen , Abteyliche und andere Uhrkunden von dem Keyserlichen Freyen Weltlichen Stiffte Qvedlinburg: Sampt einigen alten Siegeln und Nachrichten so hiezu dienlich. Aus den Abteylichen und Pröbsteylichen Archiv zusammen getragen von  D. Friderich Ernst Kettner, Leipzig 1712, S. 30.

[8] Ebenda, S. 31. Dazu: Scriptores Rerum Brunsvicensium illustrationi inservientes … cura Godefride Guilielmi Leibnitii, Hannover 1707, S. 389. Der bei Kettner enthaltene Verweis auf die Seite 336 in den „Scriptores“ war nicht logisch zuzuordnen. Seite 326 könnte dagegen stimmen.

[9] Vgl. Antiqvitates Qvedlinburgenses…, S. 694.

© Dr. Volker Punzel, GeschichtsManufaktur Potsdam (13.11.2020)

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